Richtig kommunizieren – aber wie? Wie bereits im letzten Webinar deutlich wurde, können bei der Kommunikation mit Menschen mit Demenz verschiedene Barrieren auftreten. Sie erschweren den Austausch und können so die persönliche Beziehung mit der betroffenen Person belasten.h und die damit verbundene gesellschaftliche Teilhabe erschwert werden.

Die Kommunikation mit Menschen mit Demenz kann erleichtert werden, indem man eine wertschätzende Haltung einnimmt und noch vorhandene Ressourcen in den Vordergrund rückt. Diese beiden Aspekte sind wichtige Bausteine der Integrativen Validation nach Richard®, welche Angehörige und/oder Pflegende im Umgang mit Menschen mit Demenz unterstützen kann. Diese Methode eignet sich zum einen, um präventiv Konfliktsituationen zu vermeiden, zum anderen kann in herausfordernden Situationen besser reagiert werden.

Die Dipl. Psychogerontologin Sabine Seipp ist fachliche Mitarbeiterin der Fachstelle für Demenz und Pflege in Unterfranken (Halma e.V.) und baute zudem die Fachstelle pflegende Angehörige und den Pflegestützpunkt Region Würzburg mit auf. Im Webinar berichtet sie von verschiedenen Erfahrungen in der Kommunikation mit Menschen mit Demenz und beschreibt diese anhand des Beispiels der Integrativen Validation nach Richard®.

Hier gibt es das Webinar als PDF zum Download.

Fragen der Teilnehmer*innen und Antworten von Sabine Seipp:

Kann die integrative Validation bei Menschen, die man gut kennt, besser gelingen als bei Fremden?

Wenn man einen Menschen besser kennt, gelingt es in der Regel natürlich besser, weil man mehr über die Biographie weiß und den Menschen aus der vergangenen Zeit kennt. Man weiß dann beispielsweise sehr gut, welche Antriebe, welche Gefühle oder welche Hobbies der Mensch hat. Aber man kann, wenn man die Methode sehr gut kennen gelernt hat, auch (fremde) Menschen in der Gegenwart sehr gut validieren und versuchen auf sie zuzugehen. Dafür braucht man gute Sensoren, um die Haltung des Menschen und den Gesichtsausdrucks lesen zu können. Dadurch kann man erahnen, welches Gefühl im Vordergrund stehen könnte, so dass man dieses sehr gut spiegeln kann. Da muss man seine Schubladen mit  Gefühlen, Antrieben und Redewendungen füllen und dann hat man erstaunlicherweise doch immer wieder Erfolg damit.

Wie kann man auf herausforderndes Verhalten, wie  z.B. lautes Schreien, Benutzen von Wörtern unter der Gürtellinie oder wiederholtes Stellen derselben Fragen, reagieren?

Das Schreien ist es nochmal eine ganz besondere Thematik. Hier ist viel Wissen nötig, zum Beispiel welche Krankheiten zu Grunde liegen oder in welchen Situationen das Schreien auftritt. Das genaue Beobachten und Aufschreiben des herausfordernden Verhaltens ist ein ganz wichtiger Punkt. Gibt es beispielsweise Zeiten am Tag, wo diese Situationen weniger oder mehr auftreten? Die Validation ist eine Möglichkeit, proaktiv, also im Vorfeld, tätig zu werden. Zum Beispiel auf jemanden zu zugehen und ihm Angebote zu machen, wenn er ruhigere und stillere Phasen hat.

Wenn falsche Aussagen nicht getätigt werden sollen, kann man trotzdem kleine Notlügen verwenden, wenn man z.B. eine heikle Frage von dem Menschen mit Demenz gestellt bekommt? Wie kann ich damit umgehen?

Es geht ja darum dem Menschen Sicherheit zu vermitteln. Wichtig ist es falsche Aussagen nicht zu bestätigen und dass man sich damit herausnimmt, um es auf eine allgemeiner Ebene zu heben. Man sollte Phrasen wie „Ich denke das ist so und so…“ vermeiden und stattdessen Phrasen wie „Da kann man sich schon wundern“ oder „Das ist mir jetzt auch nicht erklärlich“ verwenden. Also man muss darauf achten, welcher Satz in der Situation passt, sodass man nicht korrigiert und die Unwahrheiten auch nicht bestätigt. Man sollte versuchen, sich aus der Situation so ein bisschen herauszuwinden, aber man könnte dies besser an konkreten Beispielen besprechen.

Ein Mensch mit Demenz sagt „Bleib bei mir, gehe nicht weg“. Der pflegende Angehörige muss aber los, um Erledigungen zu machen. Wie sollte man als Angehöriger reagieren?

Zunächst ist es hilfreich sich selber einmal zu beobachten, wie man den Abschied gestaltet und welche Haltung man selbe zu Abschieden hat.

Es ist hilfreich von Beginn an Abschiedsrituale (Getränk und eine Kleinigkeit zu Essen (etwas zu naschen hilft häufig) bereitstellen, eventuell ein Haustier oder Beschäftigung einführen, manchmal klappt es auch mit einem Stofftier o.ä.) einzuführen und diese regelmäßig durchzuführen. Das wirkt beruhigend. Hilfreich wäre ebenfalls eine weitere Person in die Betreuung einzubinden, um in Ruhe seine eigenen Angelegenheiten erledigen zu können (z. B. ehrenamtlichen Helfer, Nachbarschaftshilfe o.ä.). Sagen könne man je nach Situation: „Es ist ganz schwer allein zu sein – man hätte lieber jemanden um sich – das kann ich gut verstehen.“

Was könnte man einem Menschen mit Demenz sagen, der zu Hause lebt und jeden Abend in die „richtige“ Wohnung gehen will?

Häufig hilft ein kurzer Spaziergang mit der Rückkehr in die richtige Wohnung. Vielleicht wäre es ebenfalls eine Möglichkeit auch präventiv einen Spaziergang zu unternehmen. Zurück in die „richtige“ Wohnung ist meistens das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Diese Grundbedürfnisse kann man benennen. Vielleicht wäre es auch möglich eine Beschäftigung aus der Lebensgeschichte anzubieten oder ein neues Angebot. Besprechen Sie die Situationen mit anderen Menschen/ einer Beratungsstelle – führen selber ein Rollenspiel und schauen, was am ehesten auch bei Ihnen selber beruhigend wirkt. Was brauchen Sie, um sich Zuhause zu fühlen?

Welche gute Literatur/Buchtipps gibt es zu dieser Thematik?

Unsere Referentin empfiehlt:

Feil, N., & de Klerk-Rubin, V. (2017). Validation: ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen. Ernst Reinhardt Verlag.

Richard, N.& Richard, M. (2016). DIE INTEGRATIVE VALIDATION nach Richard® (2.Aufl.). Eigenverlag Institut für Integrative Validation GbR, Carlo und Monika Richard.

Richard, N.& Richard, M. (2016). Integrative Validation nach Richard® – Menschen mit Demenz wertschätzend begegnen (2.Aufl.). Eigenverlag Institut für Integrative Validation GbR, Carlo und Monika Richard.

Dienstag, 08.02.2022, 11.00-11.45 Uhr

Anne Keefer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin M. Sc.

Moderation

Jana Rühl

Wissenschaftliche Mitarbeiterin M. Sc.

Betreuung Chatroom & Fragen

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Mit der Webinar-Reihe „Science Watch LIVE“ bieten wir einen zusätzlichen Service zu unserem monatlichen Newsletter digiDEM Bayern Science Watch, in dem wir wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Demenzforschung bereitstellen.  

Vor dem Hintergrund massenhaft verbreiteter Halbwahrheiten und Fake News, aktuell zum Beispiel über das neue Corona-Virus, ist gerade jetzt evidenzbasierte Wissenschaft gefragt. Es ist wichtiger denn je, wissenschaftliche Erkenntnisse so zu vermitteln, dass sie für die Gesellschaft verständlich sind und ein Austausch darüber gefördert wird. Dazu möchten wir als digiDEM Bayern-Projektteam beitragen, jetzt auch mit digiDEM Bayern Science Wach LIVE.

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