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Pflegeheim-Bewohner*innen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder Demenz leiden Studien zufolge häufig unter Schmerzen. Wenn die Betroffene darauf nicht mehr mit Worten hinweisen können, werden Laute, Gesichtsausdrücke oder Körperhaltungen zur Einschätzung von Schmerzen wichtig. Ein US-amerikanisches Forschungsteam hat untersucht, ob sich solche Verhaltensweisen je nach Ausmaß der kognitiven Beeinträchtigung unterscheiden.

Studien zufolge träten bei 40 bis 50 Prozent der Pflegeheim-Bewohner*innen mit kognitiven Beeinträchtigungen regelmäßig Schmerzen auf, so Reynolds A. Morrison und seine Kolleg*innen von der University of Massachusetts Medical School. Da es für die Betroffenen aufgrund ihrer nachlassenden geistigen Fähigkeiten immer schwieriger wird, auf Schmerzen aufmerksam zu machen, bleiben diese mitunter unerkannt und unbehandelt. Eine wissenschaftlich akzeptierte Alternative zum “Goldstandard” des Selbstberichts stellen daher Gesichtsausdrücke, stimmliche Äußerungen/Laute und Körperbewegungen und -haltungen dar.

Studie mit über einer Million Bewohner*innen von Pflegeheimen

Mann sitzt im Rollstuhl auf einem Pflegeheim-Gang (von hinten).

Welche Art von “Schmerzverhalten” gezeigt wird, kann dabei auch vom Ausmaß der kognitiven Beeinträchtigung abhängen. Da es bislang nur wenige Studien darüber gibt, wollten die Autor*innen das Thema genauer untersuchen. Dazu konnten sie mittels einer staatlichen Datenbank, die praktisch alle Pflegeheim-Bewohner*innen in den USA umfasst, auf eine große Stichprobe von 1.036.806 Personen zurückgreifen. Die Daten für die aktuelle Studie wurden zwischen 2010 und 2016 erhoben. Die Betroffenen waren mindestens 50 Jahre alt und kurz zuvor in eine Pflegeeinrichtung aufgenommen worden. Bei denjenigen, die nicht in der Lage oder nicht bereit waren, Schmerzen selbst zu berichten, beurteilten die Pflegekräfte ein mögliches Vorkommen über einen Zeitraum von fünf Tagen. Dazu überprüften sie unter anderem die Krankenakte und beobachteten die Bewohner*innen bei Aktivitäten des täglichen Lebens oder der Wundversorgung.

Vier Kategorien von Schmerzverhalten wurden erfasst

Das vom Pflegepersonal beurteilte Schmerzverhalten umfasste vier Kategorien: nicht-sprachliche Laute, zum Beispiel Weinen, Jammern, Stöhnen oder Ächzen. Unter stimmliche Schmerzäußerungen fielen etwa „das tut weh“, „aua“ oder „hör auf“. Die dritte Kategorie beinhaltete Gesichtsausdrücke, darunter Grimassen, Zucken, eine gerunzelte Stirn oder zusammengebissene Zähne. Als viertes Schmerz-Verhalten wurden schützende Körperbewegungen oder -haltungen dokumentiert, einschließlich Anspannen, Schützen, Reiben oder Massieren eines Körperbereichs.

In Bezug auf ihren geistigen Zustand wurden die Bewohner*innen mittels wissenschaftlich etablierter Tests in drei Kategorien unterteilt: „keine/leichte“, „mittelschwere“ oder „schwere“ kognitive Beeinträchtigung.

Stimmliche Beschwerden waren am häufigsten

Den Ergebnissen zufolge wurde bei 41,5 Prozent der neu aufgenommenen Bewohner*innen innerhalb von fünf Tage mindestens ein Schmerzverhalten erfasst. Am häufigsten wurden stimmliche Schmerzäußerungen beobachtet, gefolgt von Gesichtsausdrücken, nicht-sprachlichen Lauten und schützenden Körperbewegungen oder -haltungen. Dabei bestätigte sich die Annahme der Autor*innen, dass es je nach kognitivem Zustand Unterschiede gibt.

So wurde bei Bewohner*innen mit mittelschwerer und schwerer kognitiver Beeinträchtigung seltener ein Schmerzverhalten erfasst als bei denjenigen ohne oder mit leichter kognitiver Beeinträchtigung. Stimmliche Schmerzäußerungen, insgesamt die häufigste Verhaltensweise, wurden vor allem bei Personen mit keiner oder leichter kognitiver Beeinträchtigung dokumentiert. Dagegen beobachteten die Pflegekräfte bei Personen mit mittelschwerer oder schwerer kognitiver Beeinträchtigung häufiger Gesichtsausdrücke, nicht-stimmliche Laute und schützende Körperbewegungen oder -haltungen, die auf das Vorhandensein von Schmerzen hinwiesen.

Beobachtungsinstrumente zur Schmerzbeurteilung weiter verbessern

Die Ergebnisse unterstützen den Forscher*innen zufolge die Notwendigkeit, die Beobachtungsinstrumente zur Schmerzbeurteilung weiter zu entwickeln und zu verbessern. Sie sollten ein breites Spektrum an möglichen Anzeichen für Schmerz umfassen. Auch neue Technologien könnten dabei eine Rolle spielen, zum Beispiel durch die automatisierte Beobachtung und Bewertung von Gesichtsausdrücken. Zudem müsse weiter untersucht werden, wie die Wahrnehmung des Schmerzverhaltens durch das Pflegeheimpersonal die Wahl der Behandlung beeinflusst.

Hier geht es zur Studie:
Differences in Staff-Assessed Pain Behaviors among Newly Admitted Nursing Home Residents by Level of Cognitive Impairment (Dez 2020)

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