5
(1)

Die Digitalisierung spielt sich in allen Bereichen unseres Lebens ab: ob am Arbeitsplatz, in der Freizeit oder auch in unserem Zuhause. Vor allem hier kann sie wertvolle Unterstützung leisten: wenn es etwa darum geht, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben zu können. In unserem Webinar Digitalisierung & Demenz – Teil 2: Zuhause geht es unter anderem darum, wie digitale Assistenzsysteme das Wohnumfeld verbessern können.

Prof. Dr. Horst Kunhardt

Als Experten konnten wir Prof. Dr. Horst Kunhardt gewinnen. Er arbeitet an der Technischen Hochschule in Deggendorf, wo er Vizepräsident der Gesundheitswissenschaften ist. Zu seinen Spezialgebieten gehört unter anderem die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Prof. Kunhardt ist Mitglied der Projektleitung im Modellprojekt „DeinHaus4.0“ an der TH Deggendorf. Im Rahmen des Modellprojekts wird untersucht, wie mit digitalen Möglichkeiten ein längeres Leben zuhause ermöglicht werden kann.

„DeinHaus4.0“ wird in drei bayerischen Regionen durchgeführt: in Oberbayern, in der Oberpfalz und in Niederbayern. Im Webinar „Digitalisierung & Demenz – Teil 2: Zuhause“ gewährt uns Prof. Kunhardt Einblicke in das Projekt. Weitere Informationen können Sie auf der Webseite von „DeinHaus4.0“ erhalten.

Hier gibt es das Webinar als PDF zum Download.

Fragen der Teilnehmer*innen und Antworten von Prof. Dr. Horst Kunhardt:

Wir wollen gerne Schulungen für virtuelle Arztsprechstunden anbieten, haben allerdings hier bei einer Person mit Hörbeeinträchtigung das Problem, dass am Tablet auch mit einem Bluetooth-Lautsprecher das Audio schlecht verstanden wird. Haben Sie hier eine Lösung oder einen Vorschlag?

Wir haben z.B. technische Unterstützungslösungen für Studierende an der TH Deggendorf entwickelt, die Sehbeeinträchtigung haben. Im Speziellen für Videosprechstunden mit einem Tablet ist natürlich die Qualität das wesentliche Element, aber auch da würde ich auf spezielle technische Geräte verweisen. Vielleicht gibt es einen Anschluss an eine Braille-Tastatur, wo das gesprochene Wort mit einer Software in Text übersetzt wird, der dann auf einer Tastatur ergänzt und beantwortet werden kann. Meine Lösung dazu, wie man vom Audio-Lautsprecher abnehmen kann, wären z.B. Spracherkennungssysteme. Mit diesen Tools lassen sich Audiofiles in Text umsetzen. Im Anschluss müsste man dann prinzipiell wieder über eine spezielle Tastatur fortfahren.

Gibt es bereits erste Erfahrungen, wie die Betroffenen auf die Technik im Musterhaus reagieren oder auch mit ihr zurechtkommen?

Das ist wirklich sehr unterschiedlich, es gibt die ganze Bandbreite: Von „Das kenne ich schon, das haben meine Kinder schon vor einiger Zeit für mich eingerichtet.“ bis zur Einstellung „Internet kommt mir nicht ins Haus, das würde ich nicht zulassen.“. Insofern liegt die Wahrheit wahrscheinlich in der Mitte. Wir haben die Lösungen, wie z.B. eine Art intelligenten Badspiegel auch auf (Senioren-)Messen vorgestellt. Auch hier gab es zahlreiche unterschiedliche Reaktionen: Von Interesse bis zur blanken Ablehnung. Und da hilft eigentlich nur Beratung und Schulung.

Die Schwierigkeit in unserem Projekt liegt letztendlich immer darin, wie man den Menschen Dinge, die man nicht sieht, erklären kann. Beispielsweise kann man Datenströme nicht sehen. Man kann sie im Prinzip nur visualisieren, da ist das Hauptprinzip natürlich das Vertrauen. Deshalb denke ich, haben wir als Hochschule oder auch Universitäten in gewisser Weise die Rolle eines neutralen Partners: Wir müssen keine Lösungen verkaufen – wir können aber Informationen und Wissen an die Menschen bringen. Die Neutralität, die wir gegenüber den potenziellen Nutzerinnen und Nutzern haben, schätze ich als sehr wichtig ein. Es gibt natürlich auch sehr viele berechtigte Fragen. Oftmals lassen sich diese durch ein Beratungs- oder Informationsgespräch klären. Aber genau das ist auch die interessante Erfahrung, die wir im nächsten Jahr noch machen werden, wenn wir mit den 100 Haushalten starten werden. Bislang können wir nur auf die Erfahrungen aus den Mustereinrichtungen zurückgreifen, wie ich bereits beschrieben habe. Genau das wollen wir ja auch systematisch untersuchen mit einer Akzeptanzforschung bzw. einer ethischen Begleitforschung dazu. Mehr dazu kann ich Ihnen gern in einem Jahr berichten, vielleicht laden Sie mich ja wieder ein. ;)

Die minimal-invasive Technik, die Sie in Ihrem Vortrag erwähnt haben, ist ja auch nicht immer greifbar…

Ja genau, hierzu gibt es natürlich kein Bild oder entsprechende Erfahrungswerte. Gegenstände wie einen Badewannenlifter oder einen Rollator kann man natürlich einfacher erklären. Wir haben daher z.B. einen klassischen Rollator mit technischen Möglichkeiten aufgerüstet. Dann wird einem erst begreiflich, welche Möglichkeiten man noch mit dem einfachen und verständlichen Gerät „Rollator“ haben kann: Von einer Abstandsmeldung, einer Lichtsteuerung bis hin zu einem Tracking, wenn man die Menschen unterwegs schnell wieder auffinden möchte. Wir wollen die Technik, die man nicht oder nur schwierig sieht, auch in Alltagsgegenstände einbauen, die jeder kennt. Trotzdem brauchen wir dieses Erklär-Modell dazu. Die Nutzerinnen und Nutzer sollen verstehen, dass sie permanent Daten produzieren. Wir müssen also nicht nur Gesundheits- sondern auch IT-Kompetenz entwickeln und fördern.

Wie ist ihre Erfahrung mit Tablets, Videotelefonie und Menschen mit Demenz – wie klappt das: können die Menschen mit Demenz das Bild verarbeiten?

Das ist natürlich eine schwierige Frage, wir haben ja verschiedene Stadien der Demenz, von leichten kognitiven Beeinträchtigungen, bis hin zur mittleren und schweren Demenz. Zum Teil reagieren die Menschen mit Demenz auf Bilder, Töne, Musikstücke, die ihnen vertraut sind, sehr positiv. Im Wesentlichen ist es für Menschen mit Demenz natürlich aber schwierig, sich an veränderte Umstände anzupassen. Da kann auch schon der Computer, wenn er auch noch so klein ist, eine Veränderung der Lebensverhältnisse sein, die manchmal zu Ablehnung führen. Aber es gibt ja auch die sogenannte Reminiszenz-Interventions-Therapie. Durch diese kann man Menschen mit Demenz z.B. mit Bildern aus ihrer Biografie unterstützen. Und hier denke ich, können Bild, Ton, vielleicht auch vertraute Stimmen von Angehörigen noch einen guten Zugang liefern. Aber es kommt natürlich auch sehr stark auf den Grad der Demenz an.

Wie kommt die Hochschule an die geplanten 100 Haushalte?

Ja, das ist unsere Rekrutierungsphase: Wir werden Ende des Jahres Presseartikel schalten, außerdem haben wir mit unserem regionalen Fernsehsender bereits entsprechende Aufnahmen gemacht und werden das auch nochmal wiederholen. Weiterhin haben wir in Deggendorf regelmäßig auch Seniorenmessen. Zudem gibt es vor Ort einen sehr aktiven Senioren-Aktiv-Club mit über 400 Mitgliedern, die gewissermaßen in unserem Netzwerk sind. Und aus diesen Bereichen werden wir die 100 Interessenten/Haushalte rekrutieren. Wir werden natürlich auch die Einschlusskriterien nochmal genauer definieren, sodass wir entsprechend auch unsere Forschungsfragen sehr valide klären können. Aber über Pressearbeit, direkte Ansprache sowie durch Unterstützung von Vereinen, denke ich sollte es gut klappen!

Wäre eine Intranet-Lösung für Menschen, die keine Internetanbindung haben möchten/können denkbar?

Ja es gibt hier sozusagen kleinere Lösungen, bei denen man keinen Internetanschluss hat. Diese würden wir über das Projekt aufbauen, das sind monatlich geringe Kosten. Wir sprechen hierbei zunächst nur über Daten, nicht über bspw. eine Videokommunikation. Hierzu wollen wir „Steuerrechner“ anbieten. Aber in vielen Haushalten, in denen ältere Menschen leben, gibt es die Möglichkeit, bestehende Internetanschlüsse zu verwenden oder mit zu nutzen. Genau das könnte aber auch der Bias bei den Haushalten sein, die sowieso interessiert an einer Teilnahme sind.

Wie könnte so ein „Datenagent“ aussehen? Wie könnte auf diese Weise ggf. auch der Schutz der Daten für die Nutzerinnen und Nutzer sichergestellt werden?

Solch ein Datenagent könnte zum Beispiel Software sein. Denkbar wäre aber auch, dass der Datenagent eine menschliche Komponente ist: mir schwebt vor, die Funktion eines Betreuers um die eines „Datenbetreuers“ zu erweitern. Dies kann geschehen, indem Betreuer in diesem Bereich speziell geschult werden um zu erkennen, wo die Daten hinfließen und ob das eine vertrauensvolle Quelle oder ein vertrauensvoller Bereich ist – und dann entsprechend auch einzuschreiten. In Zukunft werden das aber natürlich auch Software-Agenten sein, die auf der Sensorebene steuern können, welcher Sensor zugelassen wird und welcher nicht. Hierbei kommt es auch auf die informationelle Selbstbestimmung an: Ich brauche die Kompetenz, entscheiden zu können, welchen Sensor ich zulassen möchte.

Ein Beispiel: Viele Menschen würden zurecht davor zurückschrecken, im Bad eine Videokamera einzubauen. Es könnte aber bestimmte Fälle geben, wo der Mensch vielleicht selbständig zuhause leben möchte, aber Bedenken hat, im Bad zu stürzen. Er/sie würde vielleicht durch die Videokamera verbunden mit einem Mikrophon und einem Sturzsensor Sicherheit bekommen. Dann ist das die individuelle Entscheidung, eine solche Videokamera im Bad anzuschaffen. Aber diese muss man natürlich immer klar hinterfragen: Unter welchen Bedingungen trifft der Mensch die Entscheidung und kann er sie auch wieder zurückziehen? Darauf zielt die Flexibilität der Konfiguration dieser „Toolbox“, die wir entwickeln ab.

Sie haben den partizipativen Forschungsansatz genannt. Wie planen Sie konkret, wissenschaftlich vorzugehen?

„Partizipativer Forschungsansatz“ heißt ja, dass wir unsere wesentlichen Zielgruppen und Stakeholder in den Forschungsprozess mit einbeziehen. Konkret geschieht das über einen Projektbeirat, in dem die Zielgruppen vertreten sind und auch deren Vertreter. Der Forschungsansatz lässt sich aufgrund des Einsatzes von Technik, was man ja als Intervention bezeichnen kann, als „komplexe Interventionsforschung“ bezeichnen. Wir werden einen sogenannten Prä-Post-Vergleich durchführen – unterstützt durch Befragungen, durch aufsuchende Beratung und natürlich den engen Kontakt mit der Zielgruppe.

Mittwoch, 04.11.2020, 11.00-11.45 Uhr

Kristina Holm

Wissenschaftliche Mitarbeiterin M. Sc.

Moderation

Marina Selau

Wissenschaftliche Mitarbeiterin M. Sc.

Betreuung Chatroom & Fragen

Demenz und Digitalisierung stehen im Zentrum des Forschungsprojekts „Digitales Demenzregister Bayern“. Wie groß der Bedarf an digitalen Lösungen auch im Demenz-Bereich ist, hat sich während der Kontaktbeschränkungen infolge Corona-Pandemie wie unter einem Brennglas gezeigt.

Hier finden Sie Teil 1 der Webinar-Reihe zum Themenkomplex „Digitalisierung & Demenz“:

Digitalisierung & Demenz: Teil 1 – Arbeitsplatz

Mit der Webinar-Reihe „Science Watch LIVE“ bieten wir einen zusätzlichen Service zu unserem monatlichen Newsletter digiDEM Bayern Science Watch, in dem wir wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Demenzforschung bereitstellen.  

Vor dem Hintergrund massenhaft verbreiteter Halbwahrheiten und Fake News, aktuell zum Beispiel über das neue Corona-Virus, ist gerade jetzt evidenzbasierte Wissenschaft gefragt. Es ist wichtiger denn je, wissenschaftliche Erkenntnisse so zu vermitteln, dass sie für die Gesellschaft verständlich sind und ein Austausch darüber gefördert wird. Dazu möchten wir als digiDEM Bayern-Projektteam beitragen, jetzt auch mit digiDEM Bayern Science Wach LIVE.

Wie interessant fanden Sie diesen Artikel?

Klicken Sie die Sterne zur Bewertung an

Durschnittliche Bewertung: 5 / 5. Anzahl Bewertungen: 1

Bisher gibt es noch keine Bewertung. Geben Sie die erste ab!

Schade, dass Sie den Artikel nicht nützlich fanden.

Helfen Sie uns besser zu werden!

Was hat Ihnen nicht gefallen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.