Wie viel kostet die Versorgung von Menschen mit Demenz die europäischen tatsächlich, und wer trägt diese Last? Ein europaweites Forschungsteam unter Federführung des deutschen Neurologen Richard Dodel von der Universität Duisburg-Essen hat im Auftrag der European Academy of Neurology erstmals systematisch die gesellschaftlichen Kosten von Demenz in 30 europäischen Ländern zusammengetragen und vergleichbar gemacht.
Wie die Studie vorging
Die Forschenden werteten 45 bereits veröffentlichte Kostenstudien aus 47 europäischen Ländern aus. Da die Herangehensweisen der einzelnen Studien stark variierten, glichen sie die Daten rechnerisch an, unter anderem durch Umrechnung in eine gemeinsame Währung und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Kaufkraft in den einzelnen Ländern. Für Länder ohne eigene Kostenstudie schätzten sie die Werte anhand ähnlicher Länder. Eine verlässliche Schätzung war letztlich nur für 30 einkommensstarke Länder möglich, darunter Deutschland, da für Länder mit niedrigerem Einkommen zu wenig Datenmaterial vorlag.
Über 220 Milliarden Euro pro Jahr
Für die 8,8 Millionen Menschen mit Demenz in diesen 30 Ländern summierten sich die jährlichen gesellschaftlichen Kosten auf rund 221,4 Milliarden Euro, umgerechnet im Schnitt rund 25.200 Euro pro Person und Jahr. Allein Deutschland, Italien, Großbritannien, Frankreich und Spanien trugen zusammen 68 Prozent dieser Gesamtkosten. Dies entspricht 150,8 Milliarden Euro.
Pflegende An- und Zugehörige tragen den Löwenanteil
Besonders deutlich zeigt die Studie, wer die Hauptlast dieser Kosten trägt: Fast 58 Prozent der Gesamtkosten, umgerechnet 128,1 Milliarden Euro, entfielen auf unbezahlte Pflege durch An- und Zugehörige, also Zeit und Aufwand, die diese für die Betreuung aufbringen, ohne dafür entlohnt zu werden. Medizinische und pflegerische Versorgungskosten machten rund 42 Prozent aus, Produktivitätsausfälle durch die Erkrankung selbst spielten mit weniger als einem Promille kaum eine Rolle. Wie hoch die unbezahlte Pflege bewertet wurde, unterschied sich stark zwischen den Ländern, von rund 5.000 Euro pro Person und Jahr in Schweden bis zu über 26.000 Euro in Griechenland.
Große Unterschiede zwischen den Ländern
Auch bei den Gesamtkosten pro Person zeigten sich große Unterschiede, sie reichten von rund 10.100 Euro in Ungarn bis zu 45.500 Euro in den Niederlanden. Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung des jeweiligen Landes machten die Demenzkosten europaweit im Schnitt 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, in Griechenland waren es sogar 4,4 Prozent.
Die Studienautorinnen und -autoren betonen daher, wie wichtig praktische Unterstützung für pflegende An- und Zugehörige ist, etwa durch finanzielle Hilfen, Entlastungsangebote oder psychosoziale Beratung.
Wo die Zahlen an ihre Grenzen stoßen
Die Schätzungen basieren auf bereits veröffentlichten Studien mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen, die rechnerisch angeglichen wurden, echte länderübergreifende Primärdaten liegen nicht vor. Für Länder mit niedrigerem Einkommen ließen sich mangels Datengrundlage keine verlässlichen Schätzungen erstellen.
Tipp für die Praxis: Die Studie macht sichtbar, wie viel unbezahlte Arbeit pflegende An- und Zugehörige täglich leisten. Mit der Angehörigenampel bietet digiDEM Bayern pflegenden An- und Zugehörigen einen kurzen Online-Test, um die eigene Belastungssituation objektiv einzuschätzen und passende Unterstützung zu finden.
Hier geht’s zur Studie: The economic burden of dementia in Europe: COIN-Eu dementia
