Patientenregister sind ein zentrales Instrument der Versorgungsforschung, also der wissenschaftlichen Untersuchung der Gesundheitsversorgung von Individuen und Bevölkerungsgruppen unter Alltagsbedingungen („Real World Data“). Patientenregister haben das grundsätzliche Ziel, Langzeitdaten zur Versorgungssituation bei einer klar definierten, meist chronisch verlaufenden Erkrankung zu sammeln. Sie können beispielsweise Antworten darauf geben, welche Auswirkungen neue Behandlungsmaßnahmen langfristig auf die generelle Versorgung oder individuelle Aspekte von Betroffenen (wie deren Lebensqualität) haben, wie häufig diese genutzt oder nachgefragt werden und welche wirtschaftlichen Folgen für das Gesundheitssystem entstehen. Die konkrete Zielsetzung von Registern kann dabei sehr unterschiedlich sein.
Die Daten aus Patientenregistern bilden die Grundlage für die Versorgungsplanung und -steuerung – etwa bei der Planung von Pflegeplätzen oder spezialisierten Beratungsangeboten – im Rahmen der nationalen und kommunalen Gesundheitspolitik. Aus diesem Grund sollen Patientenregister mit dem vom Bundesministerium für Gesundheit geplanten „Gesetz zur Stärkung von Medizinregistern und zur Verbesserung der Medizinregisterdatennutzung“ weiter gestärkt werden.
Bei digiDEM Bayern handelt es sich um eine multizentrisches, prospektives und längsschnittlich angelegtes Patientenregister, das in allen Regierungsbezirken Bayerns durchgeführt wird. Das bedeutet, dass Befragungen in vielen verschiedenen Versorgungseinrichtungen in ganz Bayern stattfinden und die Befragungen zu mehreren, klar definierten Zeitpunkten wiederholt werden (siehe unten). Dabei können sowohl Personen aus städtischen als auch aus ländlichen Gebieten am Projekt teilnehmen. Ziel von digiDEM Bayern ist es, die klinische Komplexität, den Langzeitverlauf und die Versorgungssituation demenzieller Erkrankungen besser zu verstehen.
Teilnehmende sind Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen (MCI) sowie Menschen mit leichter bis moderater Demenz (definiert nach ICD-10: F06.7, F00-F03), die von ihren pflegenden An- und Zugehörigen im häuslichen Umfeld versorgt werden, wie auch die pflegenden An- und Zugehörigen selbst.
Die teilnehmenden Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen werden vor Studienbeginn mittels kognitiver Kurztests (Mini-Mental-Status-Test, Montreal Cognitive Assessment) auf ihre Eignung für die Studie überprüft. Die Eignung orientiert sich am Punktwert der Kurztests (Teilnahme möglich mit MMST-Ergebnis von 15-23 Punkten ODER mit MMST-Ergebnis von 24-30 Punkten und zusätzlichem MoCA-Ergebnis von 0-23 Punkten). Weiterhin können nur Personen teilnehmen, die im häuslichen Umfeld leben (kein dauerhaftes Leben im Pflegeheim) und ihren Hauptwohnsitz in Bayern haben. Nicht teilnehmen können Personen mit psychiatrischen Diagnosen (außer einer Demenz) zum Beginn der Befragungen (z.B. beim Vorliegen einer Depression, Schizophrenie, Suchterkrankungen, usw.) und/ oder sofern eine Taubheit, Blindheit oder Beeinträchtigung der Sprachfähigkeit (Aphasie) vorliegt. Darüber hinaus qualifizieren sich alle Altersgruppen und alle Demenzformen für eine Teilnahme.
Die Teilnehmenden werden auf Basis standardisierter, persönlicher Interviews zu mehreren Zeitpunkten (zu Studienbeginn, nach 6 Monaten, nach 12 Monaten und anschließend jährlich) befragt. Die Teilnahme ist freiwillig und kann jederzeit beendet werden. Im Rahmen der informierten Einwilligung (informed consent) erfolgt im Vorfeld eine umfangreiche Aufklärung über das Projekt und eine Einwilligung zur Studienteilnahme. Die Befragungen der Teilnehmenden erfolgen über Einrichtungen, die in der Beratung, Betreuung, Diagnostik und Behandlung sowie Versorgung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und deren An- und Zugehörigen aktiv sind, unter anderem Beratungsstellen, Betreuungsgruppen und Wohngemeinschaften sowie über ambulante (Gedächtnisambulanzen, Memory-Kliniken, Pflegedienste, Haus- und Facharztpraxen), stationäre (Akutkrankenhäuser, Bezirkskliniken, geriatrische Rehabilitationseinrichtungen) und teilstationäre (geriatrische Tageskliniken, Tagespflegeeinrichtungen) Einrichtungen.
Im Rahmen der Befragungen werden eine Reihe krankheits- und versorgungsrelevanter Daten erhoben. Es finden keine medizinischen Untersuchungen statt (getestet wird lediglich die kognitive Leistung mittels der oben genannten Tests).
Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen
- Soziodemografische Daten (Postleitzahl, Alter, Geschlecht, Geburtsland, Geburtsland der Eltern, Muttersprache, Religion, Schulbildung, Berufsausbildung, berufliche Situation, Familienstand, Wohnform, Vollmachten und Betreuung, Schwerbehinderung, Krankenkasse, monatliches Nettoeinkommen)
- Diagnosespezifische Daten (Risikofaktoren, Zeitpunkt der ersten Symptome, diagnostischer Prozess, Demenz-Diagnose, Komorbiditäten (Charlson Komorbiditätsindex (CCI))
- Krankheitsspezifische Aspekte (kognitive Fähigkeiten (Mini-Mental-Status-Test (MMSE), Montreal Cognitive Assessment (MoCA)), Funktionsfähigkeit im Alltag (Barthel-Index), verhaltensbezogene und psychologische Symptome (Neuropsychiatrisches Inventar (NPI), Weglauftendenz, Stürze)
- Ressourcennutzung im Gesundheitswesen (Resource Utilization in Dementia (RUD))
- Inanspruchnahme von und Bedarf nach Unterstützungsleistungen (Dementia Assessment of Service Needs (DEMAND))
- Lebensqualität (EuroQoL 5D (EQ-5D))
- Soziale Netzwerke / Teilhabe (Lubben Social Network Scale (LSNS))
- Mediennutzung (Informationsquellen zu Gesundheitsthemen, Internetnutzung oder Gründe für Nichtnutzung)
- Mobilität
Pflegende An- und Zugehörige
- Soziodemografische Daten (Postleitzahl, Alter, Geschlecht, Geburtsland, Geburtsland der Eltern, Muttersprache, Religion, Schulbildung, Berufsausbildung, berufliche Situation, Inanspruchnahme von Pflegezeit, Familienstand, Wohnform, Vollmachten und Betreuung, Schwerbehinderung, Krankenkasse, monatliches Nettoeinkommen, Stellung zwischen dem Menschen mit Demenz und dem Angehörigen)
- Pflegesituation (Zeit- und Ressourcenaufwand für die Pflege, Ressourcennutzung im Gesundheitswesen (Resource Utilization in Dementia (RUD)))
- Pflegebelastung (Häusliche Pflege-Skala (Kurzform) (HPS-kurz))
- Zugewinne durch die Pflege (Benefits of Being a Caregiver Scale (BBCS))
- Lebensqualität (Short Form 12 Health Survey (SF-12))
- Mediennutzung (Informationsquellen zu Gesundheitsthemen, Internetnutzung oder Gründe für Nichtnutzung)
- Mobilität
Dietzel N, Kürten L, Karrer L, Reichold M, Köhler L, Nagel A, Chmelirsch C, Seebahn K, Hladik M, Meuer S, Kirchner A, Holm K, Selau M, Wendel M, Trinkwalter J, Prokosch HU, Graessel E, Kolominsky-Rabas PL: Digital Dementia Registry Bavaria-digiDEM Bayern: study protocol for a multicentre, prospective, longitudinal register study. BMJ Open. 2021 Feb 8; 11(2): e043473. doi: 10.1136/bmjopen-2020-043473. PMID: 33558357. Link zur Veröffentlichung
Bujan Rivera J, Dietzel N, Meuer S, Reichold M, Prokosch HU, Gräßel E, Kolominsky-Rabas, PL: Demenz und Digitalisierung. neuroreha. 2021; 13(2): 87–94. Link zur Veröffentlichung
Reichold M, Dietzel N, Chmelirsch C, Kolominsky-Rabas PL, Grässel E, Prokosch HU: Designing and implementing an IT architecture for a digital multicenter dementia registry: digiDEM Bayern. Applied clinical informatics 12. 2021: 551–563. Link zur Veröffentlichung
Dietzel N, Graessel E, Kürten L, Meuer S, Klaas-Ickler D, Hladik M, Chmelirsch C, Kolominsky-Rabas PL: The Dementia Assessment of Service Needs (DEMAND): Development and Validation of a Standardized Needs Assessment Instrument. J Alzheimers Dis. 2022 Sep 27; 89(3): 1051-1061. Link zur Veröffentlichung
Pendergrass A, Weiß S, Rohleder N, Graessel E: Validation of the Benefits of Being a Caregiver Scale (BBCS) – further development of an independent characteristic of informal caregiving. BMC Geriatr. 2023 Jan 14;23(1):26. doi: 10.1186/s12877-022-03650-y. PMID: 36641428; PMCID: PMC9840821.
