Erbliches Demenzrisiko im Blick: Warum unser Lebensstil deutlich schwerer wiegt als unsere Erbanlagen

Erbliches Demenzrisiko im Blick: Warum unser Lebensstil deutlich schwerer wiegt als unsere Erbanlagen

Viele Menschen befürchten, dass sie automatisch an einer Demenz erkranken, wenn Fälle in der eigenen Familie vorkommen. In der Medizin unterscheidet man jedoch streng zwischen zwei Varianten. Es gibt eine sehr seltene, direkt vererbbare Form, die weniger als ein Prozent aller Erkrankten betrifft und durch seltene Genmutationen bei sogenannten „Ursachen-Gene“ ausgelöst wird, und eine bloße genetische Risikoneigung. So können Risikogene wie das ApoE4-Gen (lesen sie hierzu unseren Beitrag Das ApoE-Gen – ein genetischer Risikofaktor für Alzheimer) die Wahrscheinlichkeit zwar erhöhen, lösen die Krankheit aber nicht zwangsläufig aus. Um zu klären, wie stark Veranlagung und eigener Alltag zusammenhängen, hat eine Studie aus dem Vereinigten Königreich mit knapp 25.000 Teilnehmenden aus der UK Biobank die Gehirngesundheit mittels MRT genauer untersucht.

Wie die Studie den Lebensstil bewertet hat

Die Forschenden nutzten eine Skala von 0 bis 10 Punkten, um die Lebensstile der Teilnehmenden zu bewerten. Für jede gesunde Gewohnheit, wie beispielsweise kein Rauchen, moderater Alkoholkonsum, gesunde Ernährung, körperliche Aktivität und ausreichende Bewegung, gab es 2 Punkte, für moderates Verhalten 1 Punkt und für ungesundes Verhalten 0 Punkte.

Welchen Einfluss haben Gewohnheiten auf das Gehirn

Die Studie zeigte deutlich, dass Aktivrauchen und hoher Alkoholkonsum die gesamte Gehirngesundheit negativ beeinflussen, und zwar sowohl die graue (zuständig für Denken und Steuerung von Muskeln) und weiße Gehirnsubstanz (zuständig für Vernetzung der Gehirnregionen) als auch die Feinstruktur der Nervenbahnen. Eine ungesunde Ernährung schadete ebenfalls messbar den Verbindungen im Gehirn. Interessanterweise zeigte sich bei hohem Bewegungsmangel ein überraschendes Bild. Dieser war zwar mit einer schlechteren weißen Substanz, aber gleichzeitig mit einer besseren grauen Substanz verbunden.

Ergebnisse auf einen Blick

Jeder einzelne Punkt mehr auf dieser Skala hing direkt mit einer besseren Gehirngesundheit zusammen. Zwar haben genetische Faktoren wie das Risiko-Gen ApoE4 einen direkten negativen Einfluss auf bestimmte Nervenverbindungen und Strukturen im Gehirn, doch eine gesunde Lebensweise steuert wirksam dagegen. Zudem machten schon kleine Schritte einen Unterschied. Moderates Trinken schnitt bei der kognitiven Gesundheit deutlich besser ab als hoher Konsum, und selbst moderate Gewohnheiten zeigten bereits einen spürbaren positiven Effekt.

Hängt Genetik und Lebensstil zusammen?

Besonders ermutigend ist die Erkenntnis, dass die einzelnen Lebensstilfaktoren weitgehend unabhängig voneinander wirken und das genetische Risiko und der Lebensstil sich nicht gegenseitig verstärken. Zwar waren das ApoE4-Gen und ein ungesunder Alltag gemeinsam mit einer schlechteren Gehirngesundheit verbunden, aber eine gesunde Lebensweise schützte das Gehirn unabhängig davon, ob eine genetische Vorbelastung vorlag oder nicht.

Tipp für die Praxis: Der Lebensstil hat einen enorm starken Einfluss und die eigene Gehirngesundheit bleibt zu großen Teilen in der eigenen Hand. Auch bei genetischem Risiko hat ein gesunder Lebensstil einen signifikanten Einfluss, um Demenz vorzubeugen. Wenn Sie mehr über die Risikofaktoren einer Demenz und Präventionsmöglichkeiten erfahren möchten, nutzen Sie gerne den digiDEM Bayern Präventionscoach®.

Hier geht’s zur Studie: Associations and interactions between APOE e4 genotype and lifestyle with brain structural phenotypes

2 Kommentare

  1. Hallo,
    in unserer Familie tritt häufig ADHS/ADS auf, auch so bei meiner Mutter.
    Sie war Nichtraucherin, trank kein Alkohol, war nie übergewichtig und bewegte sich gerne.
    Sie erkrankte trotzdem an Alzheimer.
    Ist ADHS ein erhöhtes Risiko an Alzheimer?
    Danke für die Antwort.
    Viele Grüße

    Bernadette Bauer
    1. Guten Tag Frau Bauer,

      es tut uns leid zu hören, dass Ihre Mutter an Alzheimer erkrankt war.

      Zu Ihrer Frage: Mehrere Studien zeigen bei Erwachsenen mit ADHS ein erhöhtes Demenzrisiko, in einer aktuellen Metaanalyse etwa das Zweieinhalbfache im Vergleich zu Menschen ohne ADHS. Dieses Ergebnis lässt sich aber nur mit Einschränkungen auf den einzelnen Menschen übertragen:

      Es handelt sich um einen statistischen Zusammenhang, nicht um einen bewiesenen Ursache-Wirkung-Zusammenhang. Als mögliche Erklärungen werden gemeinsame genetische oder neurobiologische Faktoren, eine geringere kognitive Reserve und eine größere Häufung anderer Risikofaktoren über das Leben hinweg diskutiert.

      Ob der Zusammenhang speziell für die Alzheimer-Krankheit gilt, ist weniger klar. In einer US-Studie blieb nach Berücksichtigung von Diabetes nur noch ein Zusammenhang mit der Lewy-Körper-Demenz bestehen. Zudem schränken methodische Grenzen wie uneinheitliche Diagnosen und sehr unterschiedliche Stichproben die Aussagekraft der bisherigen Studien ein. Ein erhöhtes relatives Risiko bedeutet außerdem nicht, dass die Mehrheit der Betroffenen eine Demenz entwickelt.

      Auch ein gesunder Lebensstil schützt nicht zu 100 Prozent. Nichtrauchen, Bewegung und ein gesundes Gewicht senken das Risiko, aber sie können eine Erkrankung nicht sicher verhindern. Der größte Risikofaktor für Alzheimer ist nach wie vor das Alter. Alzheimer kann also auch Menschen treffen, die sehr gesund gelebt haben. Das ist niemandes Schuld.

      Wenn Sie sich wegen der familiären Häufung Sorgen machen, kann Ihre Hausarztpraxis oder eine Gedächtnissprechstunde individuell beraten.

      Freundliche Grüße
      Ihr digiDEM Bayern-Team

      Lucas Westermann

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