Erstmals in Deutschland: digiDEM Bayern öffnet Demenz-Früherkennung gezielt für türkisch- und arabischsprachige Menschen

Erstmals in Deutschland: digiDEM Bayern öffnet Demenz-Früherkennung gezielt für türkisch- und arabischsprachige Menschen

Kooperation mit Sozialdienst muslimischer Frauen Bundesverband e. V. bringt Demenz-Screeningtag in drei Sprachen an einen Ort – Auftakt am 1. Oktober in Kempten

Kempten wird am 1. Oktober zum bundesweiten Vorreiter: Mit einem bisher einzigartigen Format in Deutschland setzt digiDEM Bayern, das Digitale Demenzregister Bayern, einen neuen Meilenstein. Am 1. Oktober 2026 findet in Kempten erstmals ein Demenz-Screeningtag statt, der sich neben der deutschsprachigen Bevölkerung gezielt an türkisch- und arabischsprachige Menschen richtet. Möglich macht das die Kooperation mit dem Sozialdienst muslimischer Frauen Bundesverband e. V. (SmF-Bundesverband), einem der größten und wichtigsten muslimischen Wohlfahrtsverbände Deutschlands.

Bei einem niedrigschwelligen Demenz-Screeningtest erfahren die Teilnehmenden, wie es um ihre Gedächtnisleistung bestellt ist. Foto 1: Ilona Hörath | Foto 2 SmF e.V.

Sprachliche Hürden als blinder Fleck der Demenzversorgung

Von den rund 2,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund im Alter 65+ in Deutschland waren laut Hochrechnungen Ende 2023 158.000 an Demenz erkrankt, mit stark steigender Tendenz.[1] Studien bestätigen, wie groß die Hürden für diese Gruppe sind: Eine Befragung von 326 Hausärztinnen und Hausärzten in Deutschland ergab, dass für 89,3 Prozent Sprachbarrieren die Demenzdiagnostik bei Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund erschweren oder sogar verhindern.[2] Hinzu kommt ein oft übersehener Effekt: Im Verlauf einer Demenzerkrankung gehen häufig neu erlernte Sprachen zuerst verloren. Betroffene können sich ab einem gewissen Punkt nur noch in ihrer Muttersprache verständigen, selbst wenn sie zuvor jahrzehntelang auf gutem Niveau eine Zweitsprache wie Deutsch gesprochen haben.[3] Wichtige Diagnosen erfolgen dementsprechend später oder erst gar nicht, An- und Zugehörige bleiben mit ihren Sorgen oft allein.

Diese Lücke betrifft insbesondere zwei Sprachgemeinschaften, für die es in Deutschland bislang kaum spezialisierte, muttersprachliche Angebote im Demenzbereich gibt. Türkischstämmige Menschen sind schon heute die größte Einzelgruppe innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland. Auch die Zahl älterer arabischstämmiger Menschen wächst in Deutschland stetig. Für die steigenden Bedarfe dieser Gruppen, die sich bereits heute abzeichnen, gibt es bislang jedoch keine angepassten Früherkennungsangebote.

Genau diese Lücke schließen digiDEM Bayern und der Sozialdienst muslimischer Frauen nun mit einem Format, das es in dieser Form bundesweit noch nicht gab: einen Demenz-Screeningtag, der validierte kognitive Testverfahren, Aufklärung und Beratung vollständig und kultursensibel auch in türkischer und arabischer Sprache anbietet.

Ein Leuchtturmprojekt für ganz Deutschland

„Demenz macht vor Sprache und Herkunft nicht halt – aber die Versorgungssituation tut es bislang oft genug. Wer die Symptome einer beginnenden Demenz nicht in seiner Muttersprache schildern kann, verliert wertvolle Zeit für Diagnose und Behandlung. Mit dem Demenz-Screeningtag in Kempten setzen wir gemeinsam mit dem Sozialdienst muslimischer Frauen ein wichtiges Zeichen. Es ist unser Anspruch, dieses Modell nicht als Ausnahme, sondern als Standard zu etablieren.“, so Prof. Dr. Peter Kolominsky-Rabas, Neurologe und Projektleiter von digiDEM Bayern am Universitätsklinikum Erlangen.

Auch beim SmF-Bundesverband, einem der größten muslimischen Wohlfahrtsverbände Deutschlands, der bundesweit mehrfach für seine soziale Arbeit ausgezeichnet wurde, betont man den Modellcharakter der Kooperation: „Als Wohlfahrtsverband begegnen wir Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen. Demenz ist eines der Themen, dass bei den Menschen, die wir begleiten, noch immer zu selten offen angesprochen wird. Aus Scham, aus Unsicherheit, oder weil niemand da ist, der die eigene Muttersprache verstehen kann. Mit digiDEM Bayern haben wir einen Partner gefunden, der genau dieses Problem ernst nimmt. Der Demenz-Screeningtag in Kempten zeigt, was möglich wird, wenn wir die Ärmel hochkrempeln und Probleme gezielt angehen.“, sagt Ayla İnan, Projektstandortsleitung beim Sozialdienst muslimischer Frauen in Kempten.

Neben dem Demenz-Screeningtag am 01. Oktober 2026 haben digiDEM Bayern und der SmF im Zuge der Kooperation bereits 5 weitere Screeningtage in Kempten festgesetzt: am 21. Oktober 2026, 04. November 2026, 18. November 2026, 02. Dezember 2026 und 16. Dezember 2026.

[1] Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Informationsblatt 1: „Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen“, August 2024.
[2] Tillmann et al., „Challenges in diagnosing dementia in patients with a migrant background“, BMC Family Practice, 2019.
[3]  Mendez, M. F., „Bilingualism and Dementia: Cognitive Reserve to Linguistic Competency“, Journal of Alzheimer’s Disease, 2019; vgl. auch The Conversation, „Bilingualism and dementia: How some patients lose their second language and rediscover their first“, 2019.

Über den Wohlfahrtsverband Sozialdienst muslimischer Frauen e. V.

Der 2016 in Köln gegründete SmF-Bundesverband ist einer der größten muslimischen Wohlfahrtsverbände in Deutschland und setzt sich für die soziale, politische und gesellschaftliche Teilhabe von allen Menschen ein, mit Schwerpunkten unter anderem in der Frauenförderung, Seniorenarbeit, Gewaltschutz, Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, Flüchtlingshilfe und sozialen Integration. Mittlerweile gibt es 25 SmF-Standorte im gesamten Bundesgebiet. Der SmF Kempten ist seit 2018 in und um Kempten aktiv.

Kurz vor, während und nach der Bayerischen Demenzwoche führt digiDEM Bayern insgesamt mehr als 75 Demenz-Screeningtage in ganz Bayern durch (s. Karte oben). Eine interaktive Version der Übersichtskarte findet sich unter folgendem Link. Auf der Webseite des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention (StMGP) zur Bayerischen Demenzwoche (https://www.demenzwoche.bayern.de) erhalten Interessierte unter dem Suchbegriff „digiDEM Bayern“ detaillierte Informationen zu den jeweiligen Demenz-Screeningtagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zum Inhalt springen