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Welche Rolle spielt Musik in Ihrem Leben? Gemeinsames Musizieren verbessert die Stimmung und hilft, sich zu entspannen. Gleichzeitig kann Musik Erinnerungen aktivieren, zum Austausch darüber anregen und somit kommunikationsfördernd wirken. Dies kann auch den Alltag von Menschen mit Demenz bereichern und erleichtern, der häufig durch psychische und verhaltensbezogene Symptome geprägt wird. In unserem Webinar ging es daher um die Anwendung von Musiktherapie bei Demenz.

Der S3-Leitlinie „Demenzen“ zufolge gibt es Hinweise darauf, dass die aktive Musiktherapie, etwa in Form von gemeinsamem Singen, auf die psychischen und verhaltensbezogenen Symptome einer Demenzerkrankung einen positiven Einfluss hat.

Herr Stephan Förster, ausgebildeter Musiktherapeut (M.A.) und Fachreferent der Landesinitiative Demenz Sachsen e.V., stellte uns im Webinar die Grundlagen der Musiktherapie und deren Anwendung bei Demenz vor. Unter anderem ging es darum, welche positiven Wirkungen Musiktherapie für Menschen mit Demenz im Alltag hervorrufen kann.

Hier gibt es das Webinar als PDF zum Download.

Fragen der Teilnehmer*innen und Antworten von Stephan Förster:

Wie könnte ein musikalisches Angebot in einer Seniorengruppe ohne Therapeut gestaltet werden?

Für ein aktives Miteinander beim Singen bietet sich das Hinzuziehen von Instrumenten, wie einer Rassel, einem Schellenkranz etc. an. Insbesondere sich wiederholende Musikstellen können mit einem Rhythmus unterlegt werden, beispielsweise durch Klatschen oder Rasseln. Lieder wie „Bruder Jakob“ können, ähnlich wie beim Sitztanz, durch Bewegungen ergänzt werden. Dies ist unter anderem denkbar bei der Stelle „Schläfst du noch?“, an welcher man die Hände zusammenlegen und an die Wange halten könnte. Es ist unbedingt darauf zu achten, bei welchen Angeboten die Personen Spaß haben.

Sind auch Menschen mit frontotemporaler Demenz durch die Musiktherapie emotional erreichbar?

Die Form der frontotemporalen Demenz tritt, anders als bei anderen Demenzformen, meist bei jüngeren Personen auf, was andere Aktivitätsniveaus, Interessen und Möglichkeiten zur Folge haben kann. Manchmal können die Betroffenen mit Musik beruhigt werden oder von einer Handlung abgehalten werden. Wie bei anderen Demenzformen ist auch bei Menschen mit frontotemporaler Demenz individuelles Fingerspitzengefühl gefragt, um herauszufinden, welche Art der Musiktherapie als angenehm empfunden wird.

Kann Musiktherapie im ambulanten Bereich als Kassenleistung ärztlich verordnet werden?

Nein, die Musiktherapie ist bisher nicht in den Heilmittelkatalog aufgenommen worden, da die Therapiewirksamkeit nicht ausreichend belegt ist. Im Klinikbereich der Psychiatrie, in Palliativkliniken oder in Rehakliniken hingegen ist der Einsatz der Musiktherapie weit verbreitet.

Gibt es ein innovatives Musikprojekt in Bayern in Zusammenarbeit mit Studierenden, ähnlich wie die Klangräume Hamburg?

Mir ist kein aktives Projekt in Bayern bekannt. Möglicherweise kann man selbst ein solches Projekt initiieren. Die Teilnehmenden könnte man über Selbsthilfegruppen finden. Hier sind die regionalen Alzheimer Gesellschaften gute Ansprechpartner. Fördermittel könnten ggf. über die Gesetzliche Krankenversicherung im Rahmen der Selbsthilfeförderung beantragt werden.

Gibt es zurzeit laufende Studien?

Momentan läuft die Studie ‚HOMESIDE‘ an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Diese wird im kommenden Science Watch LIVE Webinar am 01.06.2021 vorgestellt.

Haben Sie Erfahrungen mit Chanten?

Nein, leider nicht. Mir persönlich fehlt bei Chanten der Biografie-Bezug und die therapeutische Zielstellung. Vermutlich ist die positive Wirkung bei Chanten ähnlich wie bei anderen Liedern.

Müssen es immer Musikstücke sein, die die Erinnerung anregen?

Ja, in der Biografiearbeit arbeiten wir immer mit Musikstücken, die die Erinnerung anregen können. Es ist aber durchaus auch möglich, dass neuere Lieder eingesetzt werden. Da es ein „gemeinsames Erkunden“ ist, muss man probieren, welche Lieder welche Reaktionen hervorrufen. Hier gilt es, empathisch zu sein und genau die Reaktion zu beobachten. Es kommt immer auf die Zielsetzung an, die verfolgt wird. Wenn das Ziel „Bewegungsförderung“ ist, können auch andere Lieder gut eingesetzt werden. Bekannte Stücke können auch abgewandelt werden, z.B. mit einem neuen Text.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Klangschalen bei Menschen mit Demenz gemacht? Gibt es Studien dazu?

Grundsätzlich sollten bei der Verwendung der Klangschale die persönlichen Präferenzen der Person, das Stadium der Demenz sowie das Ziel der Musiktherapie berücksichtigt werden. Dabei ist beispielsweise eine Aktivierung oder Entspannung denkbar, wobei Klangschalen auch zum Einleiten einer Achtsamkeitsübung dienen können.

Es ist möglich, dass das Geräusch von Klangschalen für Menschen mit Demenz schwer einzuordnen ist und deshalb nicht als angenehm empfunden werden kann. Außerdem könnte die Veränderung der Lautstärke und des Pegels einer Klangschale als unangenehm wahrgenommen werden, wenn diese zu nah am Körper angespielt wird. Darüber hinaus fehlt der Biografiebezug bei den heutigen Senior*innen.  

Anm. der Reaktion: Herrn Förster sind aktuell keine Studien zum Einsatz von Klangschalen bei Menschen mit Demenz bekannt.

Wie kann man Gemeinsamkeit herstellen, wenn unterschiedliche Musikvorlieben in der Gruppe zu finden sind?

Um Personen mit verschiedenen Musikvorlieben anzusprechen, kann man zum Beispiel Lieder über „Themen“ wie Liebe, Wandern oder Freundschaft anstimmen. Innerhalb eines Themas gibt es dann im Gespräch viele Anknüpfungspunkte. Der „Freischütz“ wäre eher Klassik, „Tief drin im Böhmerwald“ wäre eher Volksmusik. So könnte man zum Thema „Wald“ über Urlaub, Spaziergänge im Wald, Bäume, Tiere, etc. und die persönlichen Erfahrungen sprechen.

Dienstag, 04.05.2021, 11.00-11.45 Uhr

digiDEM Bayern-Mitarbeiterin Linda Karrer

Linda Karrer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin M. Sc.

Moderation

digiDEM Bayern-Mitarbeiterin Anne Keefer

Anne Keefer

Wissenschaftliche Mitarbeiterin M. Sc.

Betreuung Chatroom & Fragen

Mit der Webinar-Reihe „Science Watch LIVE“ bieten wir einen zusätzlichen Service zu unserem monatlichen Newsletter digiDEM Bayern Science Watch, in dem wir wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Demenzforschung bereitstellen.  

Vor dem Hintergrund massenhaft verbreiteter Halbwahrheiten und Fake News, aktuell zum Beispiel über das neue Corona-Virus, ist gerade jetzt evidenzbasierte Wissenschaft gefragt. Es ist wichtiger denn je, wissenschaftliche Erkenntnisse so zu vermitteln, dass sie für die Gesellschaft verständlich sind und ein Austausch darüber gefördert wird. Dazu möchten wir als digiDEM Bayern-Projektteam beitragen, jetzt auch mit digiDEM Bayern Science Wach LIVE.

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2 Comments

  1. Sehr geehrter Veranstalter,
    ich interessiere mich für Ihr Angebot.
    Fragen:
    ist das ein Webinar, wie angekündigt, oder nur eine Aufnahme?

    welche Kosten sind mit der Teilnahme verbunden?

    Danke
    Freundlicher Gruß
    S.Aysel

    Seyda Aysel
    1. Sehr geehrte Frau Aysel,
      vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Webinar! Es findet am 04.05. um 11 Uhr live statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Anschließend wird das Webinar voraussichtlich auch als Video auf unserer Webseite zur Verfügung stehen, ebenso wie der Großteil unserer vergangenen Webinare. Unter diesem Link können Sie sie ansehen: https://digidem-bayern.de/science-watch-live/
      Freundliche Grüße vom digiDEM Bayern-Team

      Kathrin Seebahn

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