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Für Pflegekräfte sind sexuelle Bedürfnisse von Heim-Bewohnern mit Demenz häufig ein Dilemma. Sie müssen abwägen zwischen dem Schutz der Betroffenen, die mitunter nicht mehr kommunizieren und für sich selbst entscheiden können, und deren Recht auf Eigenständigkeit, Intimität und Wohlbefinden. Britische Forscher haben Pflegekräfte zu diesem Spannungsfeld befragt. 

Frau schiebt eine Person im Rollstuhl

Tushna Vandravala von der Kingston University in London und ihre Kolleg*innen gehen in ihrer Arbeit zunächst darauf ein, dass Sexualität im Alter häufig ignoriert und missverstanden wird. Pflegeheim-Bewohner*innen mit Demenz würden sogar häufig als asexuell oder als sexuell unfähig betrachtet. Pflegekräften falle es oftmals schwer, sexuellen Beziehungen oder Aktivitäten von Heim-Bewohner*innen mit Demenz zuzustimmen. Die Gründe dafür seien deren schwindende Fähigkeiten sich zu verständigen und Entscheidungen zu treffen sowie der Konflikt zwischen dem Wunsch, die Betroffenen zu beschützen und ihre Würde zu bewahren. Sexuelles Verhalten bei Demenz werde häufig als entweder angemessen oder unangemessen eingestuft, ohne die vielfältigen Faktoren der Umgebung und die ethischen Dilemmata zu berücksichtigen. Denn ob ein Verhalten als angemessen beurteilt wird oder nicht, hängt nicht zuletzt von den Werten und von der kulturellen und religiösen Prägung des Betrachters ab.

Pflegekräfte fühlten sich unwohl  beim Thema Sexualität

Das britische Forscherteam wollte daher herausfinden, wie Pflegekräfte zum Thema Sexualität von Menschen mit Demenz stehen und wie dies ihren Umgang mit Betroffenen beeinflusst. Dazu befragten sie acht professionell Pflegende aus zwei Pflegeheimen im Großraum London. Viele von ihnen fühlten sich insgesamt unbehaglich und verlegen in Bezug auf das Thema Sexualität von Heimbewohner*innen. Die ausführlichen Interviews dauerten ca. 45 Minuten und förderten zwei Haupt-Themen zu Tage: erstens die Haltung zu Sexualität bei Demenz und zweitens die wahrgenommenen Rollen in Bezug auf die Fürsorgepflicht.

Zwei gegensätzliche Haltungen zu Sexualität bei Demenz

Die Haltung der Pflegekräfte zu Sexualität bei Demenz bewegte sich zwischen zwei gegensätzlichen Sichtweisen. Einige Pflegende betrachteten Sexualität auch im hohen Alter als menschliches Grundbedürfnis und als wichtigen Teil der Lebensqualität und des Wohlbefindens. Sie sahen vor allem die Persönlichkeit der Menschen mit Demenz   – und nicht in erster Linie deren Erkrankung. Sexuelle Aktivitäten sollten nach ihrer Ansicht in einem Pflegeheim zulässig sein, sofern die Gesundheit und Sicherheit der Pflegekräfte und der anderen Bewohner gewährleistet werden konnten. Eine Pflegekraft drückte es so aus: „(….) nur weil sie an Demenz erkrankt sind, haben sie immer noch diese Gefühle, es sind nur andere Teile des Gehirns, die nicht wirklich gut miteinander verbunden sind, aber man weiß, dass man sie immer noch hat, Gefühle sind Gefühle, die man kennt… Es ist ein Gefühl, es ist etwas, das man kennt, wenn man sein ganzes Leben oder den größten Teil seines Lebens als Erwachsener hatte, dann glaube ich nicht, dass diese Gefühle verschwinden, nun, hoffentlich verschwinden sie nicht.”

Für manche Pflegekräfte bestimmt die Erkrankung den Umgang mit Sexualität

Im Gegensatz dazu gab es auch Befragte, für die die Demenz im Mittelpunkt stand und den Umgang mit dem Thema Sexualität bestimmte. Ihrer Ansicht nach führt die Erkrankung zu einem Verlust des Selbst, der eigenen Identität. Sie waren daher der Meinung, dass die Bewohner durch die fortschreitende Demenz zu passiven Empfängern der Pflege und entsprechend schutzbedürftig werden und nicht mehr in der Lage sind, eigene Entscheidungen zu treffen. Diese Pflegekräfte gingen davon aus, dass Bewohner mit Demenz mit ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten auch ihre sexuellen Wünsche verlieren. Eine Mitarbeiterin beschrieb ihre Haltung so: „Ich weiß es nicht wirklich, denn Demenz hat nichts mit Sexualität zu tun, denn wenn man Demenz hat, ist diese sexuelle Seite verschwunden. Sie ist also nicht da, das Verlangen ist weg, die Gefühle sind weg, also ist es wirklich schwierig. Es ist wirklich schwierig.”

Verschiedene Rollen der Pflegekräfte

Je nach Haltung – Mensch oder Erkrankung im Mittelpunkt – stellten die Forscher*innen sechs verschiedene Rollen fest, die die Pflegekräfte im Umgang mit den Heimbewohner*innen mit Demenz und ihrer Sexualität einnahmen.

  1. der „Aufpasser“, der zum einen das Risiko eines sexuellen Missbrauchs im Blick hat, zum anderen das Wohl der Betroffenen und den Schutz der Ehe.
  2. der „Vermittler“, der die sexuellen Wünsche der Menschen mit Demenz unterstützt und nach Möglichkeit für eine private Umgebung sorgt.
  3. der „Sympathisant“, der sich mit der Notlage der Betroffenen identifiziert und besonders einfühlsam damit umgeht.
  4. der „Beobachter“, der die Sexualität der Bewohner*innen als deren persönliche Angelegenheit betrachtet, die kein Eingreifen und keine Unterstützung erfordert.
  5. der „Informant“, der die Familien oder andere Pflegekräfte in Entscheidungen rund um die Sexualität der Bewohner*innen mit einbezieht.
  6. der „Ablenker“, der die Aufmerksamkeit weg von sexuellen hin zu anderen Aktivitäten lenkt, wenn ein Verhalten gerade als unpassend angesehen wird.

Diese Rollen überschnitten sich bei den Befragten zum Teil und entwickelten sich mit der Zeit, zum Beispiel in Abhängigkeit vom Schweregrad der Demenz. Sie zeigen deutlich die Spannungsfelder, zwischen denen sich die Pflegenden häufig bewegen.

Richtlinien, Schulungen  und offene Diskussionskultur notwendig

Die Ergebnisse verdeutlichen laut Vandravala und ihrem Team, wie wichtig es ist, die Vielschichtigkeit des Themas zu berücksichtigen. Notwendig seien klare Richtlinien für den Umgang mit Sexualität in Pflegeheimen. Als noch wichtiger erachten sie eine offenere Diskussionskultur sowie professionelle Schulungen für Pflegekräfte. Ein Bewusstsein für die unterschiedlichen Rollen könne ihnen dabei helfen, ihre eigenen Sichtweisen und Handlungen zu verstehen, Konflikte zu bewältigen und für Veränderungen empfänglich zu sein.

Die Wissenschaftler*innen weisen auch auf mögliche Einschränkungen ihrer Studie hin: So hätten die Pflegekräfte, die zu einer Studienteilnahme bereit waren, möglicherweise besonders starke Meinungen zum Thema. Zudem sei es aufgrund der kleinen Teilnehmer-Gruppe nicht möglich, die Erkenntnisse zu verallgemeinern oder auch kulturelle oder religiöse Faktoren zu berücksichtigen. Dies seien wichtige Ansätzen für weitere Forschung zum Thema.

Die vollständige Studie finden Se hier:
„Behind Closed Doors with open minds?“ A qualitative study exploring nursing home staff’s narratives towards their roles and duties within the context of sexuality on dementia (Sept 2017)

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