Wie sich dämpfende Arzneimittel auf mögliche behandlungsbedürftige Stürze bei Menschen mit Demenz auswirken, haben Forschende des Universitätsklinikums Erlangen untersucht. Sie analysierten die Daten von 139 Menschen mit Demenz, die in fünf bayerischen Pflegeheimen lebten.

Werden Arzneimittel aus bestimmten Medikamentengruppen eingenommen, kann dies bei Menschen mit Demenz, die in Pflegeheimen leben, ein erhöhtes Sturzrisiko zur Folge haben. In ihrer Studie haben die Forschenden des Universitätsklinikums Erlangen erstmals untersucht, inwiefern die Gabe von dämpfenden Arzneimitteln mit ärztlich behandlungsbedürftigen Stürzen zusammenhängt. Analysiert wurden die Daten von 139 Teilnehmenden, die in fünf bayerischen Pflegeheimen in Bayern lebten. Das Alter der Teilnehmenden lag zwischen 73 und 98 Jahren, 82,7 Prozent der Personen waren weiblich.

Werden Arzneimittel aus bestimmten Medikamentengruppen eingenommen, kann dies bei Menschen mit Demenz, die in Pflegeheimen leben, ein erhöhtes Sturzrisiko zur Folge haben.
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Unterschiedliche Parameter erfasst

Zu Beginn der Studie wurden alle Arzneimittel, die verordnet waren und regelmäßig eingenommen wurden, erfasst. Zwei klinische Pharmakologen bewerteten jedes Arzneimittel danach, ob – und gegebenenfalls wie stark – eine dämpfende Wirkung oder Nebenwirkung vorhanden ist. Im folgenden Erhebungszeitraum von einem Jahr wurde dann bei allen Teilnehmenden beobachtet, ob sich ein Sturz ereignete, der eine ambulante oder stationäre Behandlungsnotwendigkeit nach sich zog. Mit 61,9 Prozent erhielt mehr als die Hälfte der Pflegeheimbewohnerinnen und ­Bewohner dämpfende Arzneimittel. 44,2 Prozent der Personen nahmen ein stark dämpfendes Medikament ein. Zwei Drittel (66,2 Prozent) der Menschen mit Demenz erhielten sogar mindestens fünf verschiedene Medikamente, die im Gehirn „dämpfend“ wirkten.

„Dämpfungsscore“ als zentrales Element der Studie

Als zentrales Element der Studie haben die Forschenden einen sogenannten Dämpfungsscore entwickelt. Dieser beschreibt, wie sich bestimmte Arzneimittel auf das zentrale Nervensystem und auf die psychomotorischen Fähigkeiten der Patientinnen und Patienten auswirken. Er ist also ein geeignetes Maß, um das Ausmaß der Dämpfung des zentralen Nervensystems zu beschreiben. Zugrunde gelegt wurde dabei eine fünfstufige Skala, auf der die Wirkung angegeben ist: stark sedierend, schwach sedierend, weder sedierend noch aktivierend, schwach aktivierend und stark aktivierend. 

Mehrfache Stürze

So kam es im gesamten Beobachtungszeitraum bei 36 der 139 teilnehmenden Personen zu Sturzereignissen mit Verletzungsfolge. Ein Drittel der Betroffenen (12 Personen) stürzte mehrfach. Insgesamt wurden im Untersuchungszeitraum von 12 Monaten 53 Stürze registriert, 13 Prozent der Stürze mit Verletzungsfolge wurden stationär behandelt, 87 Prozent ambulant. 

Die Studienergebnisse zeigten einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von dämpfenden Arzneimitteln und Stürzen mit ärztlich behandlungsbedürftiger Verletzungsfolge bei Demenzerkrankten innerhalb des folgenden Jahres, heißt es in der Studie. „Eine stärkere psychomotorische Dämpfung führte zu vermehrten Sturzereignissen mit Verletzungsfolge.“ Die Forschenden fanden zudem heraus, dass die Substanzgruppen Sedativa, Antidepressiva und Antipsychotika besonders häufig stark dämpfende Wirkstoffe enthielten.  

Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich nicht die Zahl aller als Dauermedikation eingenommenen Arzneimittel als ein sogenannter Prädiktor für das Auftreten eines schwerwiegenden Sturzereignisses erwiesen hat, sondern einzig der Dämpfungsscore. Je ausgeprägter die Dämpfung durch die verordneten Arzneimittel zum Zeitpunkt des Studienbeginns war, desto wahrscheinlicher ereignete sich innerhalb von 12 Monaten nach Studienbeginn ein Sturz mit Verletzungsfolge, der ärztlich behandelt werden musste.

Deutliches Fazit

Das Fazit der Forschenden ist deutlich: „Aufgrund des bedeutsamen Einflusses der Dämpfung auf Sturzereignisse mit Verletzungsfolge sollte bei der Medikation von Demenzerkrankten stärker darauf geachtet werden, möglichst wenig zentral dämpfende Arzneimittel einzusetzen, um das Risiko für relevante unerwünschte Wirkungen zu reduzieren.“

Tipp für die Praxis: Bei der Therapie von Menschen mit Demenz sollten möglichst wenige dämpfende Arzneimittel einsetzt werden. Eine Arzneimitteltherapie bei Demenz sollte außerdem darauf ausgerichtet sein, Arzneimittel mit stark ausgeprägten, unerwünschten Wirkungen nach Möglichkeit zu vermeiden.

Hier geht’s zur Studie:

Einfluss zentralnervös dämpfender Arzneimittel auf Stürze mit Verletzungsfolgen bei Menschen mit Demenz in Pflegeheimen  

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