Sexuell unangemessene Verhaltensweisen gehören zu den herausforderndsten Begleiterscheinungen einer Demenzerkrankung, werden im Pflegealltag jedoch häufig als Tabuthema erlebt. Eine aktuelle internationale Übersichtsarbeit hat nun systematisch untersucht, wie pflegende Angehörige diese Situationen erleben und welche Auswirkungen sie auf Alltag, Beziehung und Pflege haben.

Sexuell unangemessene Verhaltensweisen bei Demenz umfassen unter anderem anzügliche Bemerkungen, unangemessene sexuelle Forderungen, Entkleiden von sich selbst oder anderen sowie unerwünschtes Berühren. Die im Jahr 2026 veröffentlichte Übersichtsarbeit wertete 15 Studien aus acht Ländern aus und fasste zusammen, wie sich dieses Verhalten auf pflegende An- und Zugehörige auswirkt.

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Emotionale Belastungen und psychische Folgen

Die Ergebnisse zeigen, dass sexuelle unangemessene Verhaltensweisen für viele An- und Zugehörige mit erheblichen emotionalen und psychischen Belastungen verbunden sind. Häufig erleben diese eine komplexe Bandbreite an Emotionen, die von Scham über Hilflosigkeit bis hin zu Ärger und Wut reicht. Hinzu kommen psychologische Folgen wie eine verminderte Selbstwirksamkeit, Angstzustände und depressive Symptome.

Sexuell unangemessenes Verhalten kann zudem zu einer erhöhten Pflegebelastung führen. Außerdem berichten die pflegenden An- und Zugehörigen von konkreten praktischen Herausforderungen im Pflegealltag, etwa im Umgang mit Sicherheit- und Privatsphäre oder bei der Organisation geeigneter Unterstützungsangebote. Darüber hinaus kann sich die Frage nach einer stationären Versorgung zuspitzen. Für viele An- und Zugehörige entsteht dabei ein innerer Konflikt zwischen dem Wunsch nach Entlastung und dem Anspruch, die Betreuung weiterhin im familiären Umfeld sicherzustellen.

Auswirkungen auf Beziehungen und soziale Teilhabe

Besonders betroffen sind häufig die Ehe- und Lebenspartnerinnen und -partner. Im Verlauf der Erkrankung können sich Nähe, Intimität und Rollenverständnis in der Beziehung grundlegend verändern. Sexualität wird teilweise als überfordernd oder entwürdigend erlebt, was emotionale Distanz und Beziehungskonflikten begünstigen kann.

Ein weiteres zentrales Problem ist die zunehmende soziale Isolation. Viele An- und Zugehörige ziehen sich zurück, weil sie sich für das Verhalten der nahestehenden Person schämen oder gesellschaftliche Stigmatisierung befürchten.

Die Autorinnen und Autoren empfehlen, sexuell unangemessenes Verhalten bei Demenz künftig gezielter zu erforschen. Ziel ist es, auf dieser Grundlage passgenaue Unterstützungsangebote zu entwickeln, Fachkräfte entsprechend zu schulen und An- und Zugehörigen einen Zugang zu Hilfe und Entlastung frei von Stigmatisierung zu ermöglichen.

Tipp für die Praxis: Sprechen Sie sexuelle Verhaltensänderungen bei Demenz offen an und holen Sie sich frühzeitig fachliche Unterstützung. Eine qualifizierte Beratung kann helfen, Überforderung zu reduzieren und Isolation zu verhindern.

Hier geht’s zur Studie:

The Impact of Inappropriate Sexual Behaviors in People With Dementia on Family Caregivers: A Scoping Review

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