Gute Kommunikation ist ein wesentlicher Baustein für die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und ihren An- und Zugehörigen. Da wissenschaftliche Fachliteratur oft schwer zugänglich ist, recherchieren viele Ratsuchende im Internet nach praktischen Tipps für den Alltag. Doch wie fundiert sind diese Online-Leitlinien wirklich? Eine aktuelle Studie aus Großbritannien hat 39 Websites systematisch unter die Lupe genommen und die dort angebotenen Strategien mit der wissenschaftlichen Evidenz abgeglichen.

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Vielfalt an Strategien – aber oft einseitiger Fokus

Die Forschenden identifizierten insgesamt 164 verschiedene Empfehlungen, die sich in neun Kernthemen gruppieren ließen. Dazu zählen etwa die Förderung verbliebener kommunikativer Fähigkeiten, das Schaffen einer sicheren emotionalen Umgebung sowie die gezielte Vorbereitung auf Gespräche. Auffällig war jedoch, dass die meisten Internetseiten den Fokus stark auf die reine Informationsübermittlung legen, wobei nur etwa die Hälfte (51 %) der Websites in einfacher Sprache verfasst war. Häufig werden praktische Techniken wie das Sprechen in kurzen Sätzen oder die Verwendung einfacher Sprache empfohlen.

Bedürfnis nach sozialer Nähe oft vernachlässigt

Diese rein sprachbasierten Tipps decken sich nicht immer mit dem, was Menschen mit Demenz selbst als am wichtigsten empfinden. Deren Perspektive bleibt oft ungehört, denn lediglich 15 % der untersuchten Websites bezogen explizit die Perspektive von Betroffenen mit ein. Befragungen zeigen, dass für Betroffene die soziale Verbundenheit oft schwerer wiegt als der korrekte Austausch von Informationen. Eine befragte Betroffenengruppe bewertete zwar 73 % aller Strategien als hilfreich, empfand jedoch einige wissenschaftlich als „effektiv“ eingestufte Methoden – wie das Initiieren von Gesprächen – teilweise sogar als negativ.

Evidenzlücken und mangelnde Flexibilität

Ein weiteres Ergebnis der Analyse: Viele der Online-Tipps verfügen über keine explizite wissenschaftliche Grundlage. Zwar konnten etwa 61 % der gefundenen Strategien durch mindestens eine Quelle aus der Forschung belegt werden, 39 % blieben jedoch demgemäß ohne direkte Evidenzbasis. Zudem gaben nur 18 % der Seiten direkte Belege für ihre Ratschläge an. Die Autorinnen und Autoren der Studie betonen daher, dass starre Regeln weniger hilfreich sind als ein flexibler Ansatz, der die individuellen Vorlieben der Betroffenen und den Kontext des Gesprächs einbezieht.

Tipp für die Praxis: Verlassen Sie sich bei der Kommunikation nicht allein auf pauschale Empfehlungen aus dem Netz, da nur etwa jede fünfte Seite ihre Quellen offenlegt. Achten Sie stattdessen verstärkt auf die emotionale Ebene und die soziale Nähe. Probieren Sie aus, welche Strategien in Ihrer spezifischen Situation am besten funktionieren und die Bedürfnisse Ihres Gegenübers widerspiegeln. Kommunikation ist individuell – starre Regeln sollten daher immer flexibel an den Moment angepasst werden.

Hier geht’s zur Studie:

What are the communication guidelines for people with dementia and their carers on the internet and are they evidence based? A systematic review

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