Bewegungsmangel, Depression oder das Alleinleben gelten europaweit als Risikofaktoren für Gedächtnisprobleme im Alter. Eine große europäische Studie zeigt nun jedoch: Wie stark und in welche Richtung diese Faktoren mit der Gedächtnisleistung zusammenhängen, hängt auch davon ab, in welcher Region Europas man lebt.
Über 100.000 Menschen aus 20 Ländern
Ein Forschungsteam aus Schweden und Deutschland wertete Daten von 102.851 Menschen zwischen 50 und 102 Jahren aus 20 europäischen Ländern aus, erhoben im Rahmen der großen europäischen Langzeitstudie SHARE. Die Länder wurden vier Regionen zugeordnet: Nord-, West-, Süd- und Osteuropa. Untersucht wurde, wie fünf Faktoren, nämlich Bewegungsmangel, Übergewicht, das Alleinleben, Depression sowie Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, mit der Gedächtnisleistung zusammenhängen. Diese wurde mit einem standardisierten Test gemessen.
Depression und Bewegungsmangel mit dem stärksten Zusammenhang
Über alle Länder hinweg zeigte sich: Menschen mit einem dieser fünf Risikofaktoren schnitten im Gedächtnistest im Schnitt schlechter ab als Menschen ohne diesen Faktor, auch wenn weitere Faktoren, wie das Alter, Geschlecht und Bildung berücksichtigt wurden. Am stärksten war der Zusammenhang bei Depression, gefolgt von Bewegungsmangel. Die Zusammenhänge von depressiven Symptomen und körperlicher Inaktivität mit der Gedächtnisleistung waren bei Personen ab 65 Jahren stärker. Auch bei Menschen mit niedriger Bildung zeigten sich für die meisten untersuchten Faktoren ausgeprägtere negative Zusammenhänge.
Unterschiedliche regionale Muster
Der wohl überraschendste Befund betrifft die regionalen Unterschiede: Während das Alleinleben und Übergewicht in Nord- und Westeuropa wie erwartet mit einer schlechteren Gedächtnisleistung einhergingen, war der Zusammenhang in Süd- und Osteuropa umgekehrt, dort waren Alleinleben und Übergewicht mit geringfügig besseren Ergebnissen im Gedächtnistest verbunden.
Für das Alleinleben vermuten die Forschenden, dass sich regional unterscheidet, welche Menschen im Alter allein leben: In Süd- und Osteuropa sind Mehrgenerationenhaushalte üblicher, Familien nehmen pflegebedürftige An- und Zugehörige also eher bei sich auf. Wer dort trotzdem allein lebt, könnte deshalb im Schnitt gesünder und selbstständiger sein. In Nord- und Westeuropa ermöglichen dagegen gut ausgebaute Pflegeangebote auch gesundheitlich eingeschränkten Menschen ein eigenständiges Leben, weshalb unter den dortigen Alleinlebenden auch mehr gesundheitlich beeinträchtigte Menschen zu finden sind.
Beim Übergewicht vermuten die Forschenden ein ähnliches Muster, das aber mit dem sozioökonomischen Status zusammenhängt: In Nord- und Westeuropa könnte Übergewicht häufiger bei einkommensschwächeren Gruppen mit schlechterer Ernährung auftreten, in Süd- und Osteuropa dagegen eher bei Menschen mit besserem Zugang zu Gesundheitsversorgung. Zudem könnte die traditionelle mediterrane Ernährung selbst bei Übergewicht schützend wirken.
Diese Erklärungen sind ausdrücklich Vermutungen der Forschenden und durch die Studie selbst nicht belegt.
Was die Studie offen lässt
Da alle Angaben zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben wurden, lässt sich nicht sagen, ob die Risikofaktoren tatsächlich Ursache der schlechteren Gedächtnisleistung sind oder umgekehrt. Zudem beruhen mehrere Angaben auf Selbstauskünften der Teilnehmenden, was die Genauigkeit einschränken kann.
Tipp für die Praxis: Was wissen Sie über Demenz und seine Risikofaktoren? Der Wissenstest Demenz von digiDEM Bayern lädt alle Interessierten dazu ein, ihr eigenes Wissen rund um das Thema spielerisch zu überprüfen.
Hier geht’s zur Studie: Regional variability in the associations between social and health-related risk factors and memory across Europe
