Wer kein festes Dach über dem Kopf hat, kämpft täglich mit existenziellen Sorgen. Doch Obdachlosigkeit hinterlässt nicht nur soziale Wunden, sondern belastet auch die kognitive Gesundheit. Eine aktuelle internationale Studie aus Kanada zeigt nun deutlich: Menschen ohne festen Wohnsitz sind deutlich häufiger von Demenz betroffen als die Allgemeinbevölkerung – und das oft schon in einem Alter, in dem die Erkrankung selten erwartet wird.

Ein Forschungsteam der University of Toronto hat 36 internationale Studien mit insgesamt mehr als 500.000 wohnungslosen Personen ausgewertet. Das Ergebnis: Knapp 7 % der Betroffenen lebten mit einer Demenzdiagnose. In der Allgemeinbevölkerung eines vergleichbaren Alters liegt dieser Wert Studien zufolge unter 3 %. Besonders bemerkenswert ist der Befund zur Altersverteilung: Bereits bei wohnungslosen Personen unter 65 Jahren lag die Demenzrate bei über 7 %, bei jenen ab 65 Jahren sogar bei über 21 %.

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Frühe Diagnose, viele Risikofaktoren

Die Daten zeigen, dass Menschen mit Wohnungslosigkeit ihre Demenzdiagnose im Durchschnitt früher erhalten als Menschen mit festem Wohnsitz. Dazu dürften die in dieser Gruppe besonders häufig anzutreffenden Demenzrisikofaktoren beitragen. Bluthochdruck, Depressionen, Substanzgebrauch sowie Schädel-Hirn-Traumata waren in den ausgewerteten Studien weit verbreitet.

Ob Wohnungslosigkeit selbst das Demenzrisiko erhöht, lässt sich auf Basis der vorliegenden Daten nicht eindeutig beantworten. Diese deuten zwar auf ein erhöhtes Risiko hin, doch sind die Ergebnisse zu unterschiedlich, um gesicherte Schlussfolgerungen zu ziehen. Diskutiert wird zudem eine wechselseitige Beziehung: So könnte eine beginnende Demenz in manchen Fällen selbst dazu beitragen, dass Menschen ihre Wohnsituation verlieren.

Was das für die Praxis bedeutet

Die Autorinnen und Autoren der Studie ziehen daraus eine klare Schlussfolgerung: In Gesundheitseinrichtungen und Unterkünften für wohnungslose Menschen sollte Demenz auch bei jüngeren Personen als mögliche Diagnose betrachtet werden. Eine frühzeitige Erkennung ist entscheidend, denn ohne Unterstützung bleiben Menschen mit kognitiven Einschränkungen in einer Wohnungslosigkeit besonders vulnerabel, etwa im Hinblick auf die Organisation des Alltags, die Sicherung von Finanzen oder den Zugang zu medizinischer Versorgung. Integrierte, fachübergreifende Versorgungsmodelle sind gefragt, die soziale und medizinische Hilfe kombinieren.

Tipp für die Praxis: Achten Sie bei der Begleitung von Menschen in schwierigen sozialen Lebenslagen frühzeitig auf Anzeichen kognitiver Veränderungen. Da soziale Isolation und unversorgte gesundheitliche Einschränkungen das Risiko erhöhen, ist eine frühzeitige Sensibilisierung wichtig. Wenn Sie sich fragen, ob bei einem nahestehenden Menschen kognitive Veränderungen vorliegen, bietet digiDEM Bayern mit dem digiDEM IQCODE einen kostenlosen und wissenschaftlich abgesicherten Online-Fragebogen an, mit dem An- und Zugehörige die Gedächtnisleistung einer nahestehenden Person einschätzen können – als erster wichtiger Schritt hin zu einer weiterführenden Diagnostik.

Hier geht’s zur Studie:

Prevalence and Risk of Dementia Among Adults Who Have Experienced Homelessness, a Meta-Analysis

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