Gemeinsames Singen schenkt Menschen mit Demenz Freude, Orientierung und soziale Nähe – eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, wie Gesangsangebote besonders wirkungsvoll gestaltet werden können.

Singen verbindet – und das gilt ganz besonders für Menschen, deren Gedächtnis langsam nachlässt. Eine aktuelle Übersichtsarbeit hat 23 Studien weltweit unter die Lupe genommen, um herauszufinden, wie „Gruppensingen“ für Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Demenz am besten gestaltet wird. Das Ziel: Wohlbefinden und soziale Kontakte fördern.

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Typischer Ablauf und Zielgruppe

In den untersuchten Studien wurde deutlich, dass die Teilnehmerstruktur oft ähnlich ist. Die Gruppen bestanden überwiegend aus Frauen mit einem Durchschnittsalter von über 70 Jahren. Ein typisches Angebot fand in der Regel einmal wöchentlich statt und dauerte im Schnitt etwa 78 Minuten. Die gesamte Dauer erstreckte sich häufig über zwei bis drei Monate, was insgesamt zu etwa 14 gemeinsamen Sitzungen führte. Die Übersichtsarbeit fand heraus, dass solche Gesangsgruppen nicht zwingend von Musiktherapeuten geleitet werden; auch Chorleiter oder professionelle Musiker übernahmen erfolgreich die Moderation.

Was eine Singgruppe wirksam macht

Die inhaltliche Gestaltung der Sitzungen zeigte klare Erfolgsfaktoren für die Praxis auf. Fast alle Gruppen starteten mit Begrüßungsritualen wie Willkommensliedern sowie körperlichen oder stimmlichen Aufwärmübungen. Das Herzstück bildete das Singen bekannter Lieder, wobei Klassiker wie „Edelweiss“ oder vertraute Volkslieder besonders beliebt waren. Um die Selbstständigkeit der Teilnehmenden zu fördern, wurden sie in vielen Fällen aktiv in die Liedauswahl einbezogen. Neben der Musik spielte die soziale Komponente eine entscheidende Rolle: Fast die Hälfte der Studien integrierte feste Zeiten für den sozialen Austausch, etwa in Form einer gemeinsamen Teepause.

Musikangebote für Menschen mit Demenz sind wertvoll – doch ihre Wirkung auf depressive Symptome hängt stark von Kontext, Zielgruppe und Umsetzung ab

Eine weitere große internationale Studie mit über 1.000 Pflegeheimbewohnenden in sechs Ländern beschäftigte sich mit der Auswirkung von Gruppen-Musiktherapie und gemeinsamem Chorsingen auf das (mentale) Wohlbefinden. Die Therapie erfolgte über sechs Monate. Das Ergebnis: Insgesamt zeigten sich keine deutlichen Verbesserungen der depressiven Symptome im Vergleich zur üblichen Betreuung – auch nicht bei Lebensqualität oder kognitiven Fähigkeiten. Gleichzeitig ergab sich ein differenziertes Bild: In einzelnen Ländern wirkten die Angebote unterschiedlich. Bei Menschen mit mittelgradiger bis schwerer Demenz zeigten sich kurzfristige positive Effekte. Und wer regelmäßig teilnahm, profitierte eher – zumindest nach drei Monaten.

Musik wirkt also nicht automatisch und nicht überall gleich. Kontext, Qualität der Umsetzung und Zielgruppe sind entscheidend. Gut angeleitete, regelmäßige und biografisch passende Musikangebote bleiben dennoch wertvoll – nicht als Ersatz für eine Depressionsbehandlung, aber als Quelle für Aktivierung, emotionale Momente und Gemeinschaft.

Tipp für die Praxis: Eine Kombination aus festen Ritualen, vertrautem Liedgut und Raum für Geselligkeit schafft eine Umgebung, die Orientierung bietet und die Lebensqualität nachhaltig verbessern kann. Achten Sie bei der Nutzung oder dem Angebot aber auf die persönlichen musikalischen Präferenzen der Teilnehmenden. Mit jeder Generation ändert sich auch der Musikgeschmack.

Hier geht’s zur Studie:

Group singing in cognitive decline – what it is and how it is done. A systematic search and review

Clinical effectiveness of music interventions for dementia and depression in older people (MIDDEL): a multinational, cluster-randomised controlled trial

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