Zwei aktuelle Studien richten den Blick auf alltägliche Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick wenig mit einer Demenz zu tun haben: das Aufschieben von Aufgaben und die gezielte Vermeidung von Gesundheitsinformationen. Beide Befunde legen nahe, dass solches Verhalten wertvolle Hinweise auf kognitive Risiken liefern kann und gleichzeitig den Weg zur rechtzeitigen Unterstützung erschwert.

Dass Antriebslosigkeit ein bekannter Vorläufer kognitiver Beeinträchtigungen ist, gilt in der Forschung als gesichert. Ein irisches Forschungsteam der Maynooth University hat nun untersucht, ob auch Prokrastination, also das beharrliche Aufschieben von Aufgaben, als frühes verhaltensbezogenes Anzeichen für kognitiven Abbau dienen kann. Grundlage war die US-amerikanische Health and Retirement Study mit 549 Erwachsenen ab 60 Jahren, die über einen Zeitraum von sechs Jahren begleitet wurden.

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Prokrastination als frühes Warnsignal des Gehirns

Die Ergebnisse zeigen, dass Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen (MCI) und Menschen mit Demenz deutlich mehr Aufgaben vor sich herschoben als kognitiv gesunde Personen. Da sich zwischen MCI- und Demenzgruppe kein wesentlicher Unterschied zeigte, deuten die Forschenden darauf hin, dass die Zunahme von Aufschiebeverhalten bereits sehr früh im neurodegenerativen Prozess einsetzt. In der Verlaufsanalyse erhöhte das Aufschiebeverhalten zudem die Wahrscheinlichkeit für einen Übergang von normaler kognitiver Funktion zu leichten kognitiven Beeinträchtigungen, besonders ausgeprägt bei Personen ab 80 Jahren. Die Forschenden vermuten, dass dieses Verhalten ein Zeichen für den schleichenden Abbau der exekutiven Funktionen und das Resultat angst- oder stressbedingter Vermeidung ist: Betroffene schieben Aufgaben nicht aus Unlust auf, sondern weil die Fähigkeit zur Handlungsplanung im Gehirn nachlässt und sich die Verhaltenstendenzen aufgrund der Erkrankung verschieben.

Informationsvermeidung als bewusste Schutzreaktion

Während das Aufschiebeverhalten eher ein unfreiwilliges Signal des Gehirns darstellt, beleuchtet eine zweite Studie eine bewusste Schutzreaktion: die Vermeidung medizinischer Informationen. Eine systematische Übersichtsarbeit des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung wertete 92 Studien mit insgesamt über 564.000 Teilnehmenden aus 25 Ländern aus.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Rund 30 Prozent der Menschen neigen dazu, medizinische Informationen zu meiden. Bei der Alzheimer-Demenz liegt dieser Anteil mit 41 Prozent besonders hoch, deutlich höher als beispielsweise bei Diabetes mit 24 Prozent. Als stärkste Treiber identifizierte die Studie emotionale und kognitive Faktoren: empfundenes Stigma, Informationsüberlastung, mangelndes Vertrauen in das Gesundheitssystem und eine geringe Selbstwirksamkeit. Interessanterweise spielten Geschlecht sowie ethnische Zugehörigkeit keine verlässliche Rolle als Prädiktoren, was frühere Einzelstudien relativiert.

Zwei Seiten derselben Medaille

Zusammengeführt zeigen beide Studien, warum der Weg zur Diagnose oft so steinig ist. Auf der einen Seite sorgt die beginnende Erkrankung selbst dafür, dass wichtige Erledigungen und Arztbesuche aufgeschoben werden. Auf der anderen Seite bauen emotionale Ängste eine zusätzliche Mauer der Vermeidung auf. Für die Praxis bedeutet dies: Eine niedrigschwellige und entstigmatisierende Kommunikation ist entscheidend, um die Angst vor der Information zu nehmen und frühzeitig Unterstützung zu ermöglichen.

Tipp für die Praxis: Achten Sie bei sich oder nahestehenden Personen auf Veränderungen im Alltag. Auch scheinbar harmlose Muster wie zunehmendes Aufschieben können ein Hinweis sein, dem es nachzugehen lohnt. Das Angebot digiDEM IQCODE von digiDEM Bayern ermöglicht es An- und Zugehörigen, Veränderungen im Alltag strukturiert und niedrigschwellig zu erfassen und überprüfen zu lassen.

Hier geht’s zur Studie:

Procrastination as a marker of cognitive decline. Prevalence and predictors of medical information avoidance

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