logo-digidem-digitales-demenzregister-bayern.jpg
facebook twitter 

Die Qualität der meisten Demenz-Apps ist unzureichend

Titelbild digiDEM Bayern
Liebe Leserin, lieber Leser,

das digiDEM Bayern-Team freut sich, Ihnen heute in einer Sonderausgabe unseres digiDEM Bayern-Newsletters von den neuesten Forschungsergebnissen unserer Kolleg*innen zu berichten. Michael Zeiler, Christina Chmelirsch, Nikolas Dietzel und Prof. Dr. Peter Kolominsky-Rabas haben sich mit dem hochaktuellen Thema Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) befasst und eine Studie publiziert. Dazu gratulieren wir herzlich!

Erstmals wurden deutschsprachige Apps für Menschen mit Demenz und für pflegende An- und Zugehörige auf wissenschaftliche Evidenz und Nutzerqualität bewertet. Mit ihrer Forschung haben die Wissenschaftler also Neuland betreten. Die Forschenden kommen dabei zu zwei ernüchternden Ergebnissen: Für die meisten Demenz-Apps, die auf dem sogenannten Selbstzahlermarkt zu haben sind, gibt es keine wissenschaftlichen Belege für deren Wirksamkeit. Zudem reichen viele Demenz-Apps über eine mittelmäßige Nutzerqualität nicht hinaus.

Massiver Nachholbedarf

In Sachen Digitalisierung des Gesundheitssystems hat Deutschland massiven Nachholbedarf. Gleichzeitig erfreuen sich Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) immer größerer Beliebtheit. Sie lassen sich in App-Stores bequem herunterladen und unabhängig von Ort und Zeit benutzen. „Über eine mittelmäßige Gesamtqualität reichen viele der Demenz-Apps nicht hinaus“, sagt Michael Zeiler, Medizininformatiker an der FAU Erlangen-Nürnberg und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt Digitales Demenzregister Bayern (digiDEM Bayern). Das Ziel der Studie war es, den Nutzen deutschsprachiger, mobiler Gesundheitsan-wendungen für Menschen mit Demenz und deren pflegende An- und Zugehörige zu bewerten.

Die Beurteilung der Nutzerqualität erfolgte dabei mit dem international anerkannten Bewertungsinstrument MARS-D („Mobile App Rating Scale“, deutsche Version). Kriterien für die Nutzerqualität waren unter anderem Funktionalität, Ästhetik, Informationsgehalt und Fragen zur Patientensicherheit und Güte des therapeutischen Angebots. „Der Bereich der Patientensicherheit erhielt sogar die niedrigste und damit schlechteste Bewertung“, erläutert Michael Zeiler. „Dies betrifft Fragen zu möglichen Risiken und schädlichen Effekten wie etwa falsche Rückmeldungen und unkorrekte Informationen.“

Wirksamkeit vieler Apps nicht wissenschaftlich belegt

Des Weiteren untersuchten die Forschenden rund um Michael Zeiler die wissenschaftliche Evidenz von insgesamt 20 Gesundheits-Apps. Auch hier enttäuschten viele der vermeintlichen „digitalen Helfer“. „Die Wirksamkeit der meisten Demenz-Apps ist überhaupt nicht wissenschaftlich belegt. Wenn für derartige Demenz-Apps ohne Wirksamkeitsbelege Geld verlangt wird, so ist das „digitale Kurpfuscherei“, erläutert der Neurologe und Gesundheitsökonom Prof. Dr. med. Peter Kolominsky-Rabas. Nur zu sechs Apps, also bei 30 Prozent, lagen überhaupt Studien vor. Umgekehrt haben die Wissenschaftler*innen festgestellt: Über Anwendungen, die in der Qualitätsbewertung einen guten Wert erreichten, wurden häufig auch wissenschaftliche Artikel veröffentlicht.

Für mehr Transparenz und Aufklärung in der Bevölkerung

„Je besser Gesundheits-Apps erforscht sind, desto besser gelingt die Gesundheitsversorgung und desto transparenter gestaltet sich der Markt der Digitalen Gesundheitsanwendungen", weiß Michael Zeiler. Bis auf wenige Ausnahmen zählen Gesundheits-Apps nicht als Medizinprodukte. Eine App muss zunächst ein Prüfverfahren durchlaufen, um vom Bundesamt für Arzneimittel- und Medizinprodukte (BfArM) als Digitale Gesundheitsanwendung in das entsprechende Verzeichnis aufgenommen zu werden. Auf diese Weise soll die Transparenz auf dem Markt gesteigert werden, welche Anwendungen die Anforderungen an Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Qualität, Datenschutz und Datensicherheit tatsächlich erfüllen. „Der positive Versorgungseffekt ist nicht immer nachgewiesen. Wir fordern deshalb dringend, eine regelmäßige Qualitätsüberprüfung der Gesundheits-Apps nach strengen wissenschaftlichen Kriterien gemäß internationaler Standards vorzunehmen“, betont der Co-Autor der Studie, Prof. Dr. med. Peter Kolominsky-Rabas.

Demenz-Apps in vier Kategorien

Die untersuchten Apps haben die Wissenschaftler*innen in vier Kategorien eingeordnet. Die Kategorie Informationen umfasst Apps, die Menschen mit Demenz und ihren pflegenden An- und Zugehörigen unterschiedliche Informationen über die Erkrankung zur Verfügung stellen. In der Kategorie Kognitives Training & Spiele finden sich Anwendungen, deren Hauptziel darin liegt, die kognitiven Fähigkeiten des MmD zu fördern und dadurch den kognitiven Abbau zu verlangsamen. Die pflegenden An- und Zugehörigen erhalten teilweise Trainingsideen, die ohne digitale Anwendungen gemeinsam durchgeführt werden können. Die Apps der Kategorie Screening haben das Ziel, mit Hilfe unterschiedlicher Tests kognitive Beeinträchtigungen festzustellen und den Anwendern bei einem entsprechenden Verdacht eine Arztkonsultation vorzuschlagen. In der Kategorie Unterstützungsmaßnahmen sind Anwendungen zusammengefasst, die den MmD oder deren pflegende An- und Zugehörige im Alltag unterstützen, indem zum Beispiel in einem Chatroom Bilder und Ereignisse miteinander geteilt werden können.

Die Studie ist jüngst in der Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen (ZEFQ) erschienen. Hier geht's zur Studie.


Unser aktueller Webinar-Tipp:

Für alle, die sich für Demenz-Apps interessieren, findet am
Dienstag, 28. März 2023 von 11.00 bis 11.45 Uhr
unter dem Titel
Hilfe aus dem Appstore - Evidenz von Apps für Menschen mit Demenz und pflegende An- und Zugehörige
ein digiDEM Bayern Science Watch LIVE-Webinar statt. Es referiert Michael Zeiler, der Erstautor der Studie. Bitte melden Sie sich hier an.



Herzliche Grüße

Ihr digiDEM Bayern-Team

Aufruf zur Studienteilnahme:
Das Demenz-Forschungsprojekt digiDEM Bayern zielt darauf ab, die Lebensbedingungen von Menschen mit Gedächtnisbeeinträchtigungen oder Demenz und ihren Angehörigen zu verbessern. Dafür suchen wir weiterhin Teilnehmende in ganz Bayern:
  • Forschungspartner: Als Forschungspartner befragen Sie Betroffene im Verlauf von drei Jahren zu ihrer Versorgungssituation. In Frage kommen zum Beispiel Beratungsstellen, Fachstellen für pflegende Angehörige, Arztpraxen oder Gedächtnisambulanzen. Sie können die Befragungen aber auch als Einzel-Person durchführen. Weitere Informationen finden Sie hier.
  • Betroffene: Sie leiden unter Gedächtnisproblemen oder bemerken dies verstärkt bei einem Angehörigen? In persönlich geführten Befragungen haben Sie die Möglichkeit, Ihre Situation zu schildern. Tragen Sie aktiv dazu bei, die Versorgungssituation nachhaltig zu verbessern. Weitere Informationen gibt es hier.

Über digiDEM Bayern

Das Forschungsprojekt ist eine Kooperation von:
FAU_MedFak_H_RGB_blue
neu_medical-valley-450x300
UKER.svg_-1030x258-1-e1570533448599
gefoerdert-gesundheitsministerium-digidem-digitales-demenzregister-bayern
Logo der Bayerischen Demenzstrategie